Stefan Schimmel (rechts) als Al Bano und Hansi Haas als Romina Power: Wer hat in den letzten 20 Jahren eigentlich „Felicità“ vermisst? Und warum? Foto: fal

In den Untiefen zwischen Maja und Maffay

Stefan Schimmel eröffnet Baumburger Kultursommer – Mühsamer Spagat zwischen Comedy und Kabarett

Mühsam, so ein Spagat, schlimmstenfalls auch schmerzhaft. „Spagat ist eine Yoga Übung (Asana) und Gymnastik Übung, bei der die Beine so weit wie möglich auseinander gegeben werden“, heißt’s im „Yogawiki“. Wenn man in Betracht zieht, dass beim Yoga Bindestriche und demzufolge Bindung offenbar eine nachgeordnete Rolle spielen, will man sich gar nicht so recht vorstellen, wie weit Beine für einen formvollendeten Spagat „auseinander zu geben“ sind. Eins nach Ober-, das andere nach Unterhöslwang zum Beispiel. Nicht schön, vor allem wenn das Bindeglied fehlt.

„I wa gern anders wia de andern“ heißt das Programm Stefan Schimmels, das der Bad Reichenhaller als „Spagat zwischen Comedy und Kabarett“ für den ersten Abend des Baumburger Kultursommers 2019 angekündigt hatte. Ein schwieriges Unterfangen – der Freund des gepflegten Kabaretts rümpft ja schon mal gern das Näschen, wenn er mit Humorausbrüchen eines Comedians konfrontiert wird. Und umgekehrt: Der Freund des schnellen Schenkelklopfers will sich bisweilen nicht mit satirisch fein ziselierten Spitzen des Kabarettisten auseinandersetzen. Diese beiden Pole zu verbinden ist ungefähr so schwierig, wie Yogawiki- und anderen Wikipedia-Autoren Rechtschreibregeln beibringen zu wollen. Ein nahezu aussichtsloses Unterfangen.

Schimmel verliert sich und den roten Faden in den Untiefen des weiten Meeres zwischen Comedy- und Kabarettpol. Aber immerhin: Er scheitert ehrenvoll an der selbstgesteckten Aufgabe. Grundsympathisch kommt er rüber – das ist das Pfund, mit dem der Reichenhaller wuchern kann und auch wuchert. Seine Gschichten sind nett, geläufig vorgetragen, amüsant allemal. Das Timing passt, alles gut. Bis auf. Aber. Die Anekdoten, die Schimmel erzählt, die Pointen, die Rollen, in die er schlüpft, das alles trägt das Programm nicht. Kein roter Faden. „I wa gern anders wia de andern“ ist als Motto zu dünn. Einer, der sich auf eine Bühne wagt, ist per se schon mal anders als die anderen.

Nicht, dass sich keiner im Publikum unterhalten gefühlt hätte. Schon. Der Minimalkonsens ist gleich da, Künstler und Zuschauer sind in etwa zur selben Zeit sozialisiert worden – mit „Wickie“, „Biene Maja“ und „Pinocchio“, mit Karel Gott, Peter Maffay und Michael Holm. Nein, früher war nicht alles besser. Frühkindliche Prägung kann Traumata verursachen und ganze Lebenswege versauen. Der gemeinsame Nenner ist gefunden.

Doch wenn sich die Erheiterung zwischen den Extremen „weitgehend harmlos“, „harmlos“ und „enorm harmlos“ bewegt, dann sind Höhenflüge humoristischer Natur eher nicht die Initiatoren. Schimmel ist mal Ex-Polizist, dem der Kollege den Schein gezwickt hat, mal ist er Installateur, mal Journalist. Unvermittelt kommt er kurz vor der Pause als Al Bano daher, begleitet von den Ex-Sixpäck-Kollegen Hansi Haas als Romina Power, Andi Vogl am Klavier und Volker Schach an der Gitarre. Aber warum Al Bano und Romina Power? Hat irgendjemand in den letzten 20 Jahren ernsthaft „Felicità“ oder „Sempre sempre“ vermisst? Warum überhaupt all die Rollenwechsel? Man weiß es nicht. Vermutlich, weil sie’s können, Schimmel und Co. Aber ob man’s auch braucht? Oder die Karel-Gott- und Peter-Maffay-Parodien? Daran haben sich schon Generationen von Stimmenimitatoren von Jörg Knör über Jürgen von der Lippe bis Chris Boettcher abgearbeitet. Ist durch. Zum Schluss des Programms kommt Wecker noch zu musikalischen Ehren: „So a saudummer Dog“ quetscht Schimmel konstantinesk ins Mikro – aber auch das ein bisschen abgegriffen. Alles irgendwo ganz nett, aber letztlich fehlt’s an Substanz. Mühsam. Wie ein Spagat. Andreas Falkinger