Diese Brunsbürger haben ihn gar nicht verdient

Musikkabarettist Weiherer beim Baumburger Kultursommer: Über Brunsbüttel, Datensammler, Dobrindt und Wandfliesen

Von Andreas Falkinger

Die Brunsbütteler hätten’s in der Hand gehabt. Jetzt müssen’s am 24. Juni wieder an die Urne. Bürgermeister-Stichwahl. Die hätten am Sonntag alles klar machen können. Dann hätten’s jetzt einen Bürgermeister. Einen niederbayerischen. Wenn’s den Weiherer zur Wahl zugelassen hätten.

An der Sprachbarriere kann’s ja nicht liegen. Der Weiherer hat schon restlos ausverkaufte Konzerte in Brunsbüttel gegeben. Die verstehen ihn durchaus. Er wurde sogar vom Verein für Handel, Gewerbe und Industrie zum „Bootschafter“ der Stadt ernannt. Vermutlich haben die Brunsbürger gemeint, es wäre schon praktisch, wenn ihr Bürgermeister auch am Ort wohnen würde. Oder der als Liedermacherrebell geltende Weiherer ist ihnen nicht konservativ genug. Viel zu kurz gesprungen.

Konservativ kommt vom lateinischen „conservare“. Bewahren. Der Weiherer ist konservativ, selbstverständlich. In Bayern wird täglich die Fläche von 13 Fußballfeldern asphaltiert und zubetoniert, um die 4800 Hektar sind das im Jahr. Eine Fläche von der Größe des ganzen Teutoburger Waldes. Das gefällt dem Weiherer nicht, und er singt dagegen an. Unter anderem. Und seien wir doch mal ehrlich: Wie viele dekorative Flachbauten samt schmucken Discounterparkplatzwüsten auf der grünen Wiese wären uns womöglich erspart geblieben, wenn diverse Bürgermeister sich wegen anhaltender Abwesenheit nicht dafür hätten einsetzen können. Aber man tut den Bürgermeistern schon ein bisserl unrecht. In der Bayernhymne heißt’s: „Er (also Gott) behüte deine Fluren.“ Vom Bürgermeister ist nicht die Rede. Der ist gar nicht zuständig.

Natürlich ist der Weiherer ein Bewahrer. Nach seinen politischen Zielen befragt, hat er angegeben, er wolle sich dafür einsetzen, dass Brunsbüttel auf alle Fälle zumindest die Postleitzahl erhalten bleibt. 25541. Damit hat das alles ja angefangen, mit der 25541. Den Weiherer hat nämlich genervt, dass er im Supermarkt, im Baumarkt, im Möbelhaus ständig nach der Postleitzahl gefragt wurde. Da ist ihm die Spitzenidee gekommen – oder waren es doch die falschen Tabletten? – künftig nur noch die Postleitzahl von Brunsbüttel anzugeben.

Der Weiherer ist einer, der gern hinter Fassaden schaut, um die Ecke denkt. Und deshalb hat er sich gefragt, was die Konzerne mit seiner Postleitzahl machen. Zu statistischen Zwecken wird die erhoben, Erkenntnisse zum Einzugsgebiet ihrer Märkte erwarten sich die Unternehmen, damit sie die Briefkästen mit ihren Prospekten noch voller machen können. Zielgerichtet. Das Ziel haben der Weiherer und die Leute, die’s ihm gleichtun, verlegt. Nach Brunsbüttel. Die haben auch schöne Altpapiersammelbehälter.

Aber eigentlich geht’s hier ja um den Weiherer-Auftritt beim Baumburger Kultursommer. Dass Veranstalter Muk Heigl das Konzert in den Rossstall verlegt hatte, weil er dem Wetter nicht traute, sich die dräuenden Wolken dann aber während des ganzen Abends kein einziges Tröpferl abringen konnten, hat sich Heigl während des dreieinhalbstündigen (!) Konzerts oft genug anhören dürfen. Der Stimmung tat’s eh keinen Abbruch.

Die Stimmung war hervorragend. Liegt in der Natur der Sache. Zum Kabarettabend gehen Leute, die dieselben Dinge aufregen wie den Kabarettisten. Nur meistens weniger pointiert. Ändern tut sich eh nichts, aber die Alternative, sich über diese täglichen Aufreger mal nicht nur aufregen zu müssen, sondern auch mal drüber lachen zu können, die ist Grund genug, so eine Veranstaltung in vollen Zügen zu genießen. Oder in vollen ehemaligen Baumburger Rossställen. Weil’s auch ganz fein ist zu merken, dass man mit seinem gesellschaftskritischen Unwohlsein nicht ganz allein dasteht. Wenn man mitbekommt, dass auch andere – wie zum Beispiel der Weiherer – teilamüsiert die enorme Leistung der CSU registrieren, das Bundesverkehrsministerium konsequent ansteigend reziprok proportional zum Kompetenzquozienten zu besetzen.

Jedenfalls hat er brav gesungen, geklampft, Mundharmonika gespielt, der Weiherer. Dass ihm beim druckvollen Singen bisweilen die Stimme wie einem Fünfzehnjährigen wegkiekst – geschenkt. Ein großer Sänger wird er eh nicht mehr. Dass sein Gitarrenspiel mit dem Santanas, Claptons oder Lewandowskis nicht mithalten kann – auch geschenkt. Mit Dylan wird der Weiherer gelegentlich verglichen, mit Fredl Fesl und Hans Söllner auch. Protestlieder, Freiheitslieder – Freiheit für Niederbayern! – singen die alle. Solche Vergleiche braucht Weiherer nicht zu scheuen, obwohl oder grade weil er auf der Bühne seinen ureigensten Blickwinkel auf die Dinge auslebt. Und da ist er konsequent.

Seine Konsequenz zeigt sich auch bei seinen Fanartikeln. Wenn er T-Shirts verkauft, dann sind die Stoffe nicht von Kinderhänden in Bangladesch gewebt. Von den Leiberln prangt übrigens nicht Weiherers Konterfei, sondern – selbstverständlich – die Postleitzahl von Brunsbüttel. Genauso von den Tassen, den Brunsbechern. Und von der Stofftasche, dem Bio-Bruns-Beutel. Und von der Baseballkappe auch. Das lässt Weiherer alles von Unternehmen aus der Umgebung herstellen, saubere, nachhaltige Arbeit zu fairen Löhnen, das ist ihm wichtig. Nur die neueste Errungenschaft, eine Wandfliese, die wollte ihm kein bayrischer Hersteller produzieren, dafür musste er nach Baden-Württemberg ausweichen. Dort versteht man nicht, was draufsteht. Die Postleitzahl von Brunsbüttel schon. Aber mit dem Wort darunter wollen seriöse bayrische Baukeramiker nicht in Verbindung gebracht werden.

Des einen Verlust ist des anderen Gewinn. Kein Geschäft für den bayrischen Fliesenhersteller, dafür eins für den baden-württembergischen. Haben die Brunsbütteler halt keinen niederbayerischen Bürgermeister, der den Brunsbütteler Fremdenverkehr ankurbelt, aber wir dafür einen niederbayerischen Musikkabarettisten, der den Brunsbütteler Fremdenverkehr ankurbelt. Auch recht. Ach ja, die Fliese ist natürlich nicht nur eine Fliese mit der „25541“. Die Fliese ist eine Brunskachel.

Die vollständige Kritik erscheint Anfang Juli im Magazin „bumberlgsund“.