Südamerikanische Folklore in Klassikqualität: Los Gringos del Tango beim Baumburger Kultursommer. Fotos: fal

Los Gringos del Tango öffnen Horizonte

Schwenkglenks Ensemble zeigt die Vielschichtigkeit südamerikanischer Rhythmen

Von Andreas Falkinger

Südamerikanische Rhythmen sind Ausdruck einer überbordenden Lebensfreude. Der Bayer kommuniziert jodelnd. Beide Aussagen sind Klischees – und wie’s bei Klischees nun mal so ist: Beide sind so natürlich nicht korrekt. Das Bayernklischee können wir aus eigener Erfahrung widerlegen, das von den südamerikanischen Rhythmen hat der Gitarrist Jürgen Schwenkglenks mit seinen Los Gringos del Tango beim Baumburger Kultursommer so eindrucksvoll wie begeisternd pulverisiert.

Nicht dass die Gringos Lebensfreude nicht angemessen musikalisch ausdrücken könnten. Können sie und machen sie. Aber eben nicht nur. Weil so ein Südamerikaner vermutlich genauso wie der Abendländer ganz verschiedene Gemütszustände kennt und die genauso in berührende Melodien übersetzen kann. Gut, viele der Kompositionen, die die Gringos im ehemaligen Baumburger Rossstall vorstellten, stammen gar nicht aus Argentinien, Brasilien oder Venezuela, sondern aus Passau. Schwenkglenks ist intimer Kenner der südamerikanischen Musik, und als solcher weiß er Tangos zu schreiben, die den Originalen in nichts nachstehen.

Komponieren ist das eine. Aber was hülfe die schönste Komposition, wenn’s dann an der Ausführung haperte. Konjunktiv. Denn es hapert nicht. Nicht im Geringsten. Die Gringos sind Virtuosen. Der in Traunstein geborene Schwenkglenks ist Dozent für Gitarre, Rhythmik/Improvisation, Harmonielehre und Gehörbildung an der Universität Passau sowie Gründer des Musikinstitutes Passau. Gerhard Koschel studierte Cello und Akkordeon und hat einen Lehrauftrag an der Uni Passau. Bassist Jochen Rössler ist Musiktherapeut in einem Klinikum. Normalerweise sitzt bei den Gringos Gerald Braumandl an Schlagzeug und Percussion. In Baumburg wurde diesmal allerdings Koschels Sohn Felix „ins kalte Wasser“ geworfen, wie es Schwenkglenks formulierte. Und der hat aus der DNS seines Vaters offenbar die Tangogene komplett übernommen.

Aber auch vier Virtuosen sind noch keine Garantie für ein befriedigendes Konzerterlebnis. Bei den Gringos schon – weil sich keiner auf Kosten der anderen in den Vordergrund drängt, obwohl jeder einzelne das sicherlich könnte. Nein, der Ensembleklang ist der Star, die Musik ist der Star, das Gefühl für Atmosphäre und Stimmungen ist der Star. Die vier Musiker gehen nicht nur einfühlsam miteinander um, feinnervig nehmen sie die Fäden auf, die sie einander zuwerfen. Das Ergebnis ist dann nicht einfach nur südamerikanische Folklore, die Musik der Gringos hat Klassikqualität.

Felix Koschel hält sich am Schlagzeug zurück, sein Beseneinsatz ist höchst differenziert. Wenn’s das Stück erfordert, ist er solierend voll auf der Höhe, ansonsten weiß er sehr genau, wann das Schlagzeug in den Hintergrund zu treten hat. Sehr sensibel variiert er die Klangfarben passend zur Musik – ob seines Alters eine sehr reife Leistung. Diese Zurückhaltung übt auch sein Vater Gerhard. Trotz seiner offenkundigen Virtuosität bleibt er immer Teamplayer. Gemeinsam mit einem Sohn und mit Rössler legt er ein so stabiles wie filigranes Fundament, auf dem sich Schwenkglenks „austoben“ kann. Wobei auch der auf seiner siebensaitigen brasilianischen Gitarre nicht die Person Schwenkglenks in den Vordergrund schiebt. Gitarristen erliegen bisweilen der Versuchung zu zeigen, dass sie schon die allertollsten Hechte sind. Schwenkglenks nicht. Der bleibt unaufgeregt, ruhig und sympathisch. Und zugleich merkt man mit jedem Ton, mit jedem Handstreich, mit dem er seine sieben Saiten zupft, streichelt, schlägt: Das ist ein wahrer Meister.

So klischeebehaftet südamerikanische Rhythmen im Allgemeinen sind, so ist es der Tango im Besonderen. Feurig und leidenschaftlich soll er sein. Kann er sein. Er kann aber auch anders. Melancholisch, weich, zärtlich. Der Tango, wie ihn die Gringos spielen und leben, ist mehrdimensional. Nicht nur das – mit ihrer Herangehensweise machen sie ihn fürs Publikum nachvollziehbar, verständlich und erlebbar. Sie weben ihn ein in eine Vielzahl anderer Rhythmen, setzen einen weiten Kontext. Wo Erklärungsbedarf besteht, umreißt Schwenkglenks in kurzen Worten die Entwicklungsgeschichte.

Klischees machen den Alltag leichter. Schlüsselreiz, Schublade auf, Schublade zu, fertig. Gerecht werden sie komplexeren Sachverhalten und Phänomenen nie. Können sie gar nicht. Sie reduzieren aufs Augenfällige. Wenn Los Gringos del Tango das Klischee von den eindimensional lebensfrohen südamerikanischen Rhythmen zerbröseln lassen, dann ist das – neben dem herausragenden Musikerlebnis – die eigentliche Leistung. Sie geben einer Tiefe Ausdruck, die wir oft allzu gerne übersehen und überhören. Die Gringos öffnen Horizonte. Mehr kann ein Konzert nicht leisten.