Däniel Smith, Franz Georg, Karin und Susanne Lischka, Johannes Kandels, Andreas Torwesten und Matthias Pürner holen sich nach dem Konzert im Baumburger Rossstall den verdienten Beifall ab. Fotos: fal

Die PS auf die Rossstallbühne gebracht

LischKapelle überzeugt beim Heimspiel auf ganzer Linie – Noch mehr Schub durchs Schlagzeug

Von Andreas Falkinger

Schön, wenn der Start in eine Freiluft-Veranstaltungsreihe genannt Kultursommer so verlässlich ist. Sommer 2010: Jacuzzi und die Mary Broadcast Band spielen. Drinnen, weil’s regnet. 2011: Punzi & The Blue Trip spielen. Drinnen, weil’s regnet. 2012: Pipeline und die Matching Ties spielen. Drinnen, weil’s regnet. 2013: Lonely Lips. Drinnen. Regen. 2014, LischKapelle, drinnen, Regen. 2015 der Ausreißer: Christine Eixenberger im Innenhof des Gutshofs, sonnig, lau. Aber 2016 wieder alles wie gewohnt: Dr. Will & The Wizards, drinnen, Regen. Heuer mal eine Variation: LischKapelle wieder drinnen, diesmal Regen und Hagel. Aber der Freund des Baumburger Kultursommers trägt die Sonne eh im Herzen, wenn die LischKapelle auftritt sowieso. Wen kümmert da das Wetter? Keinen großen Geist.

Auweh. Eine Konzertkritik mit einem Mehrjahreswetterbericht einzuleiten, was mag da noch kommen? Gab’s so wenig Berichtenswertes, dass jetzt schon äußere Umstände herhalten müssen? Mitnichten. Aber so ist sichergestellt, alles Negative gleich zu Anfang abgearbeitet zu haben: das Wetter. Nicht dass es die Laune der Zuhörer oder gar die musikalische Leistung beeinflusst hätte. Aber man kann sich durchaus vorstellen, dass Bühnenaufbau im Freien, Abbau im strömenden Regen, Neuaufbau im Rossstall, Soundcheck in einem womöglich akustisch nicht ganz unproblematischen Gewölbe unter zeitlich interessanten Bedingungen Musiker und Techniker anzicken. Nichts dergleichen. Techniker Andreas Wimmer machte – wie immer – einen überragenden Job. Und die LischKapelle? Dazu jetzt mehr…

Die goldene Böhmermann-Regel besagt: Um erfolgreich zu sein, müssen deutsche Popinterpreten vorgestanzte Hohlphrasen beliebig kombinieren und bedeutungsschwanger irgendwas mit Menschen, Leben, Tanzen und Welt trällern. Das Ganze wird dann mit einer gefälligen, ebenfalls weitestgehend vorgestanzten Melodei samt ordentlich Synthetikstreichern versehen – und fertig ist der Hit. Oder man macht’s wie Xavier Naidoo und raunt entweder AfD- und reichsbürgerkompatibles Geschwafel ins Mikro oder textet sinnfrei: „Setz dein Segel nicht, wenn der Wind das Meer aufbraust.“ Wo eine Flaute das Segeln doch erst richtig spannend macht. Lauter Erfolgsrezepte, denen die LischKapelle nicht folgt. Demzufolge wird’s wohl schwierig mit deren erstem „Echo“. Qualität ist für den kein Kriterium. Vermutlich steht der Band ihr eigener Qualitätsanspruch dauerhaft im Weg. So wird das nix.

Von vornherein falsch eingesteuert. Auf der ersten CD „08621“ kein einziger Titel mit Menschen, Leben, Tanzen oder Welt. Erde ja, aber Welt – „Moon & Earth Crash“. Und auf der neuen Scheibe „How We Struggle“? Wieder knapp vorbei: „The Unbearable Lightness of Living“ – die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Da schwingt Milan Kundera mit statt Adel Tawil, Tim Bendzko oder Max Giesinger. Außerdem: Man singt Deutsch. Kommen die immer noch mit Englisch um die Ecke. Nee, so wird das nix mit dem „Echo“. Textmäßig.

Und was die Melodien betrifft sowieso. Hallo, Welt an Tanz, Leben an Menschen, Earth an LischKapelle: Qualität ist gar nicht angesagt. Qualität setzt sich auf Dauer durch? Das ist der Satz, mit dem die Erfolgreichen die wirklich Talentierten auf später, sehr viel später vertrösten. Wenn das stimmte, wäre „Atemlos durch die Nacht“ im gnädigen Dunkel einsam erstickt. Liebe LischKapelle, macht doch bitte mal Mainstreammusikmurks. Gern auch Mainstreammurksmusik. Irgendwas, das Gehörgänge und Hirne der konsumbereiten Zuhörerschaft gefällig zukleistert. Sonst wird das nix.

Überhaupt: Der Markt will Verlässlichkeit. Die Stones haben Erfolg, weil sie als knapp 100-jährige immer noch so rotzig rebellisch klingen wie in ihrer frühkindlichen Trotzphase. Einmal no satisfaction, immer no satisfaction. Oder Modern Talking. Mit gefühlt einer Melodie haben die Nummer-eins-Hits gefühlt ohne Ende produziert. Das ist Verlässlichkeit. Und was macht die LischKapelle? Die entwickelt sich stetig weiter. So geht das nicht.

Sie hätte doch auch einfach die nette, vierköpfige Band bleiben können, dreistimmiger Gesang, Gitarre, Akkordeon, ab und an Keyboard und Cajón. Nett. Musik machen, wie man sie sich für einen ökumenischen Kirchentag nicht netter wünschen könnte. Musik, zu der man Ballerinas und/oder Seitenscheitel tragen möchte. Die pure Harmonie, Ecken und Kanten werden mit glöckchenreinem Gesang einfach weggeschmeichelt. Was machen Karin und Susanne Lischka, Andreas Torwesten und Matthias Pürner stattdessen? Sie holen sich den Tubisten Gurdan Thomas. Einen Tubisten! Zu Gesang, Gitarre und Ziach. So eine Tuba erdet jedes Glöckchen. Wenig später kommt der Posaunist Markus Urbauer dazu. Glöckchen, Gitarre und ein respektabler Bläsersatz, dazu Melodien, die diese Instrumentierung vertragen. Die LischKapelle hat ihren Sound gefunden.

Hat sie das? Möchte man meinen. Doch dann kommt die „How We Struggle“-Tour. Zum Druck der Bläser – statt Thomas und Urbauer diesmal Franz Georg an der Trompete und Däniel Smith an der Tuba – gesellt sich der Schub des Schlagwerks. Johannes Kandels schiebt von hinten kräftig an – die Stücke werden rockiger, noch dynamischer. Einzige Sorge des Zuhörers: Kandels sieht jung aus. Verdammt jung. Hoffentlich muss der nicht um dreiviertel zehn den Rossstall verlassen, weil er um zehn im Bett zu liegen hat. Wenn die Musik der LischKapelle eines i-Tüpfelchens bedurft haben sollte: Sie haben’s gefunden. Das Schlagzeug.

Zu den Bühnenqualitäten der LischKapelle: Nichts eingebüßt haben die Musiker von ihrem Charme. Könnte ja sein, dass der von der Routine getrübt wird. Nichts dergleichen. Sie suchen den Kontakt zum Publikum nicht nur, sie finden ihn auch. Es muss kein Eis gebrochen werden, weil gar keins da ist. Früh klatschen die Zuhörer im Takt mit, und sie lassen sich bereitwilligst dazu animieren mitzusingen. Mehr Nähe geht kaum.

Die LischKapelle reklamiert für sich, „erwachsener“ geworden zu sein. Drum wohl auch der Titel „How We Struggle“. Wie wir uns mühen, quälen, wie wir herumkrebsen, kämpfen, uns durchbeißen. Wenn so der Lischkampf klingt, kann er so arg nicht sein. Wieder beweisen die LischKapellmeister, dass sie feine Händchen für Melodien und Harmonien haben. Ob die jetzt erwachsener sind, sei dahingestellt. Ob die Texte erwachsener sind – egal. Das spielt vermutlich nur fürs Selbstverständnis der Band eine Rolle, dem Zuhörer ist’s einerlei, ob das weiterentwickelt oder erwachsener oder reifer ist. Hauptsache, die Musik geht ins Ohr. Und das ist so, von der ersten Single-Auskopplung „Just Like That“ über das noch stärkere „Shoot Me“ und „Meet In Dreams“ bis zum Schlusstrack „After All“ – die LischKapelle hat nicht nur auf der Scheibe einige Pfünder vorgelegt, sie bringen ihre Pferdestärken auch auf die Rossstall-Bühne. Und: Wer braucht schon einen „Echo“? Zur Not könnte die LischKapelle ja mal was mit Humans, Life, Dance, World schreiben. Nur den notwendigen Qualitätsabbau wird sie wohl nicht hinbekommen.