Der Boandlkramer (Florian Fraitzl) hat aus dem Fall Kaspar Brandner gelernt und lässt sich von Alois Hingerl (Thomas Schachner) nicht übertölpeln. Fotos: fal

Ein rundummadum sehenswerter Grantler

„Ein Münchner im Himmel und in der Hölle“: Schnaitseer Theatergemeinschaft bringen Mammutprojekt auf die Bühne

Von Andreas Falkinger

„… und so wartet die bayerische Regierung bis heute auf die göttlichen Eingebungen.“ Selten hat ein Satz die Zeiten so unbeschadet überdauert wie der Ludwig Thomas von 1911. Für diese Aussage gab’s vor 106 Jahren noch eine Geldstrafe. Wegen Majestätsbeleidigung. Nein, da haben’s schon Glück, die Schnaitseer, dass die Liberalitas Bavariae heut viel liberaler ist. Sonst würde womöglich das halbe Dorf einen Strafbefehl bekommen. Der Majestätsbeleidigungs-Paragraf ist seit Anfang Juni sogar bundesweit abgeschafft. Aber für einen bayrischen Sonderweg ist die meist vergeblich auf Eingebungen wartende Staatsregierung ja immer mal gut.

Das halbe Dorf ist ein bisschen übertrieben. Aber viele Schnaitseer sind’s schon, die sich fürs Gelingen ihrer Theateraufführungen beim Baumburger Kultursommer einsetzen. Deutlich über 100 – Schauspieler, Musiker, Bühnen- und Maskenbildner, Techniker, Beleuchter, Sportvereinsmitglieder, die sich um die Verpflegung der Gäste kümmern. Der Schwank „Ein Münchner im Himmel und in der Hölle“ von Alfons Schweiggert nach Motiven von Ludwig Thoma und Franz von Kobell ist in der Schnaitseer Spielart ein Rundum-Wohlfühl-Erlebnis für die Besucher. Alles ist perfekt durchorganisiert, damit sich der Theaterfreund in Baumburg wohlfühlt. Von der Sitzauflage über den Regenponcho bis zur Bratwurstsemmel: Im Innenhof des historischen Gutshofs fehlt’s an nichts.

Und schon gar nicht fehlt’s an der Unterhaltung. Wie bei den Aufführungen des Grusicals „Die Vampertinger“ im Jahr 2012 und des Rusticals „Der Watzmann ruft“ 2014 hat’s die Theatergemeinschaft Schnaitsee nicht beim Original belassen. Man will ja alle Talente präsentieren, die sich in den Reihen der beteiligten Vereine befinden. Grad was die Musik betrifft, haben die Schnaitseer wieder aufgedoppelt. Natürlich werden in der Hofbräuhaus-Szene Gschdanzln gesungen, natürlich schallt da auch „In München steht ein Hofbräuhaus“ durch den Innenhof. Das ist erwartbar. Aber dass der Luzifer – gespielt von Bürgermeister Thomas Schmidinger – zu einer Bearbeitung von AC/DCs „Highway to Hell“ auf die Bühne schreitet und dass die Teufelsschar Hubert von Goiserns „Brenna tuat’s guat“ intoniert, daran hat der Autor des Stücks wahrscheinlich nicht gedacht. Sogar die Biermösl Blosn kommt mit ihrem „Bist aa do“ zu Ehren und die Spider Murphy Gang mit ihrem „Skandal im Sperrbezirk“. Die Schnaitseer spielen die Theaterstücke nicht nur. Sie bereichern sie, und damit auch das Gaudium des Publikums.

Schweiggert hat für sein Stück Thomas „Münchner im Himmel“ mit von Kobells „Brandner Kaspar“ verknüpft. In der Inszenierung der Schnaitseer stößt noch Weiß Ferdls „Ein Wagen von der Linie 8“ als Ausgangspunkt für die Himmel- und Höllenfahrt Alois Hingerls dazu. Tramschaffner Fritz Graßl überzeugt als Conferencier und als Sänger des Straßenbahnliedes. Die Fahrgäste haut’s ob der unfassbaren Beschleunigung und der immensen Bremskraft der imaginären Tram regelmäßig nach hinten und nach vorn – und das wirkt auf Teile des Publikums derart ansteckend, dass auch sie jedes Anfahren und Bremsen mit Wanken und Schwanken begleiten. Wenn Schnaitsee spielt, spielt der Zuschauer mit. Ansteckend.

Dann übernimmt der Held des Abends die Bühne: Alois Hingerl, Dienstmann Nummer 172. Gespielt wird er von Thomas Schachner, seines Zeichens Vorsitzender der Theatergemeinschaft. In Aussehen, Körpersprache und von resignativ bis wutentbrannt-grantelnd changierendem Tonfall – „Wann’st ma ned gehst mit dei’m Manna!“ – erinnert er frappierend an Josef Hader. Und der Hader ist bekanntermaßen nicht der Schlechtesten einer. Da gäb’s für Laienschauspieler durchaus unangenehmere Vergleiche. Nein, Schachner macht seine Sache richtig gut. Der spielt nicht melancholisch, missmutig, grantig, der ist melancholisch, missmutig, grantig. Und hervorragend gelaunt natürlich auch. Aber nur, wenn’s ins Hofbräuhaus geht oder ein Skandal um Rosi in Aussicht steht. Oder wenn er glaubt, den Boandlkramer beim Karteln übers Ohr hauen zu können.

Nicht nur Schachner ist die Spielfreude deutlichst anzumerken. Alle sind mit Haut und Haar dabei, von den kleinen kichernden, Geige und Querflöte spielenden, Hosianna lispelnden Engerln bis zu den tanzenden, kreischenden, wirbelnden Deiferln. Fabian Schluck spielt einen strahlend heldenhaften, von hölzernem Pflichtbewusstsein und weitreichender Humorlosigkeit durchtränkten Erzengel Michael, Josef Schluck einen gütigen bis genervten Petrus. Publikumsliebling neben dem Alois ist – und das völlig zurecht – Boandlkramer Florian Fraitzl. Der hat sich Michael Herbig in derselben Rolle offenbar intensiv angeschaut. War ihm vermutlich von der Regie – Josef Unterforsthuber, Romy Kinzner und Elisabeth Lamprecht – aufgesetzet. Und weil umgesetzet werden muss, was von höheren Instanzen aufgesetzet ist, gibt Fraitzl einen filmreifen „Boandl“.

Schwank, Mundart, Bier, Gschbusi, die zwiderne Alte, der halbseidene Spezi – das sind alles Elemente, die auch einem zünftigen Bauerntheater gerecht würden. Darüber gehen die Schnaitseer aber weit hinaus. Sie bespielen nicht nur eine Bühne, nein, der ganze Innenhof samt Balkonen und Fenstern wird einbezogen. Allein die Kulissenarbeiten für die Höllenszenen müssen Tage verschlungen haben. Was die Theaterer an perfektionistischem Aufwand betreiben, was die auf die Beine stellen, um ihr Stück für die Zuschauer zu einem Erlebnis zu machen – die nennen sich mit Fug und Recht „Theatergemeinschaft“. Die sind eine Gemeinschaft, eine eingeschworene. Wo sonst würde sich für die Rolle des Luzifers außerhalb Schnaitsees ein Bürgermeister hergeben? Dem Ensemble gelingt es spielend und spielerisch, das Publikum zum Teil der Gemeinschaft werden zu lassen. Höchst sympathisch. Es ist eine Freude.

Aber auch das Stück selbst ist von den Regisseuren durchaus mit einem glücklichen Händchen ausgewählt und nachbearbeitet. Da gibt’s Zwischentöne der Kritik an der Obrigkeit, die Thoma mit Sicherheit so gewollt hätte. Und auch der religiöse Aspekt bekommt eine volkstümliche, wenig klerikale Note. Wie lauten noch die letzten Worte des Schwanks? „Ob dereinst du im Himmel oder bei dem Teifi-Gschbenst – überall triffst auf Bekannte, de’st von früher her no kennst.“ Ohne Schwere vermittelt das Ensemble diese Zwischentöne. Alles ist ganz leicht. Dieser Münchner ist rundummadum sehenswert. Im Himmel, in der Hölle und überhaupt. Solang’s den Majestätsbeleidigungs-Paragrafen nicht wieder einführen sowieso.

www.theatergemeinschaft-schnaitsee.de

Vorstellungen:

Mittwoch, 12. Juli 2017, um 20 Uhr (Premiere)
Donnerstag, 13. Juli 2017, um 20 Uhr
Freitag, 14. Juli 2017, um 20 Uhr
Sonntag, 16. Juli 2017, um 20 Uhr
Donnerstag, 20. Juli 2017, um 20 Uhr
Freitag, 21. Juli 2017, um 20 Uhr
Samstag, 22. Juli 2017, um 20 Uhr
Sonntag, 23. Juli 2017, um 20 Uhr

Einlass jeweils ab 18 Uhr.

Karten für die Vorstellungen gibt‘s bei den Vorverkaufsstellen (ohne Inn-Salzach-Ticket) und an der Abendkasse.
Vorverkauf: 13 € zzgl. VVK-Gebühr; Abendkasse: 16 €