Christine Eixenberger beim Unterricht im Baumburger Gutshof.

Und weil die liebe Susanne aus der ersten Reihe das Gedicht so schön vorgelesen hat, bekommt sie von der Frau Lehrerin Eixenberger auch einen Fleiß-Sticker. Fotos: fal

Für die Schule oder doch fürs Leben lernen?

Witziger Sozialkompetenz-Unterricht: Eixenberger eröffnet mit „Lernbelästigung“ den Baumburger Kultursommer

Von Andreas Falkinger

Mei früher, da war vieles, wenn nicht alles besser. Oder zumindest klarer. Einfacher. Da wenn ein Drittklässler mit offenen Schnürsenkeln über den Schulhof gestolpert ist, dann hat man gleich gewusst: Aha, ein Depp. So simpel ist das heute nicht mehr. Womöglich ist der Bewegungslegastheniker hochbegabt. Spricht fließend Mandarin, hat bei „The Voice Kids“ die Blind Auditions locker überstanden und spielt zudem virtuos Geige. Nur zum Schuhbandlbindenlernen hat die Zeit bei all der Dressur halt noch nicht gereicht, weil die Auge-Hand-Koordination noch nicht voll entwickelt ist. Nein, einfach darf man sich’s heutzutage nicht mehr machen. Sogar der Lehrkörper vermag Genie und Verhaltensoriginalität kaum mehr zu unterscheiden. Der Lehrkörper außer Christine Eixenberger natürlich. Die Kabarettistin und Grundschullehrerin hat den Durchblick – und den teilt sie.

Oft ist Eixenberger mit ihrem zweiten Soloprogramm „Lernbelästigung“ noch nicht aufgetreten, aber ihr erstes – „Ballkontakt – eine Spielerfrau packt aus“ ließ hoffen, dass da eine echte Verstärkung der nicht unbedingt offensiv aufgestellten Frauenkabarettmannschaft heranwächst. Bisweilen verlieren sich die Kolleginnen ja in der eindimensionalen Selbstbespiegelung mit den Themen zu viel oder zu wenig Oberweite, Zellulite und Menopause. Da kommt über die Jahre nicht mehr viel Neues. Der Auftritt Eixenbergers beim Baumburger Kultursommer hat die in sie gesetzten Hoffnung bestätigt. Die ist frisch, frech, anders. So wie Maxi Schafroth, der seine Erfahrungen als Allgäuer Bauernbub und Bankkaufmann in seine Programme einbaut, lässt auch Eixenberger ihr Publikum an ihrem Leben teilhaben. Und singen kann sie auch noch. Wäre im Innenhof des ehemaligen Baumburger Gutshofs auch noch eine Windmaschine installiert – Helene Fischer könnte einpacken. Aber sowas von. Bräuchte nicht mehr zu trällern, könnte sich voll auf Tchibo und aufs Gourmeggeln konzentrieren – und allen wär gehofen.

Ihre Bühnenfiguren hat sie sauber ausdifferenziert – ob das der grantelnde Schulbusfahrer Sepp ist, der Soldat, der hölzern in der Schule um Nachwuchs für die Truppe wirbt, oder ob das die Schüler Basti, Marinus oder Melissa sind. Die Kinder spielt sie, wie es ihnen zusteht: mit Nachsicht und viel Verständnis. Da spürt der Zuschauer: Eixenberger ist mit Leidenschaft Kabarettistin und Lehrerin. Die mag ihre Schrazen. Mit all ihren sozialen Besonderheiten. Können ja nix dafür, wenn ihre überambitionierten Erzeuger meinen, sie müssten der Brut alles draufpacken, was sie selbst zu leisten nie im Stande waren, sind und sein werden. Oder wenn den teilunterambitionierten Vater nur kurz vor dem Abendessen ein Hauch eines Anflugs von Erziehungsverantwortung streift, der sich aber verflüchtigt, sobald die Mahlzeit auf dem Tisch steht.

So grundsympathisch sie die lieben Kleinen zeichnet, so treffsicher nimmt sie Schullandschaft und Umgebung auf die Schippe. Auch vor ihrem eigenen Berufsstand – und damit vor sich selbst – macht Eixenberger nicht Halt. Als Grundschullehrerin ist sie die Fortsetzung der Erzieherin mit anderen Mitteln – im Kindergarten wird gebastelt, in der Grundschule wird gebastelt – und laminiert. Nicht der Lehrplan steht bei Eixenberger im Fokus, sondern das, worauf sie die Kinder vorbereiten soll: das Leben. Kabarettistisch zeigt sie, dass Senecas Systemkritik „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“ dank weltfremder Elfenbeinturmministerialbeamten, paranoider Helikoptereltern und Erziehungsberater wälzender Turboeltern heute noch genauso zutrifft wie vor knapp 2000 Jahren. Die Kabarettistin fasst die richtigen Themen an, überzeichnet die absonderlichsten Verhaltensmuster, öffnet ohne Lehrmeisterei den Blick fürs Wesentliche, für entspanntes Verständnis – und das auch noch ungemein witzig: Wenn Sozialkompetenz auf dem Lehrplan stünde, die Eixenberger könnt’s unterrichten. Lernbelästigung wär das definitiv keine. Und Fleiß-Sticker für die lieben Großen gäb’s sicher auch.