Der Gegenentwurf zur herkömmlichen AC/DC-Bühnenshow: Bullage sitzen. Und spielen. Sonst nichts. Foto: fal

Rotzig-bluesig geht auch ohne Strom

Bullage covern ausgestöpselt AC/DC beim Baumburger Kultursommer: Der Gegensatz macht die Illusion perfekt

Von Andreas Falkinger

AC/DC-Songs ohne Stromgitarren? Eigentlich ein abwegiger Gedanke. Wir streichen „eigentlich“. Selbstverständlich ist das abwegig. Oder kann sich irgendjemand vorstellen, dass Angus Young statt auf seiner Gibson SG auf einer akustischen Gitarre rumklampft? Statt 110 Dezibel irgendwas womöglich Stubnmusiartiges? Will sich das überhaupt jemand vorstellen? Im Prinzip nein. Da trifft sich’s gut, dass Prinzipien nicht uneingeschränkt zu den menschlichen Stärken zählen, ansonsten würde man die Band Bullage womöglich ignorieren. Weil die es wagt, AC/DC zu covern – ausgestöpselt. Ohne Schlagzeug, ohne E-Bass, ohne Stromgitarren.

Mit Sicherheit hat viele AC/DC-Fans die Neugier zum Baumburger-Kultursommer-Konzert von Bullage getrieben. Die Neugier, ob so etwas tatsächlich möglich ist. Und die Neugier, ob Sänger Bobo Carrington tatsächlich wie Bon Scott klingt. Zwei Faktoren, die dem eingefleischten AC/DC-Jünger schon fast blasphemisch erscheinen. Wobei „Jünger“ im Baumburger Innenhof definitiv nichts mit dem eigentlichen Wortstamm zu tun hat. Gut, von dreieinhalb Jahren bis 70 ist alles vertreten. Einige sind dabei, die schon AC/DC hörten, als die Gruppe noch nicht die Rock’n’Roll-Konsensband war. Als dem Hardrocker noch ein RTL-II-Image anhaftete. Sound fürs Musikprekariat, Kutte, Matte, sehr einfach, sehr schmuddelig, mit Texten, die eindeutig nichts mit Shakespeare, Rilke oder Karel Gott zu tun haben, immer unter die Gürtellinie, immer auf die Zwölf. Kein Progressive-Rock-Geschwurbel, nichts Feinziseliertes, sondern Schwermetall, drei Akkorde, A-Dur, D über Fis, G-Dur, Highway to Hell und gut is‘.

Wenn’s so einfach wär‘, das Strickmuster für einen Welthit. Young hat „Highway to Hell“ doch einen vierten Akkord verpasst, zwei Takte lang E-Dur am Ende jeder Strophe, im Solo verbaut er a-Moll-Zeugs. Und hier wird’s bluesig. Rotzig-bluesig, aber eben bluesig. Auch deswegen haut der Bullage-AC/DC-Sound hin. Weil der Blues auf der Akustikgitarre schon immer hingehauen hat. Die Gitarristen Bernhard Heiter – natürlich in Schuluniform – und Anton Braun haben nicht nur Spaß am Hardrock, sie haben auch Spaß am Blues. Das leben sie aus, das führen sie zusammen, unterstützt von Hans Wurmannstetter an seiner Bassgitarre – einer akustischen, natürlich – und Andreas Brühl am Cajón. Damit bringen Bullage genau die Dynamik auf die Piste, die AC/DC-Songs haben und brauchen, gradlinig, immer nach vorne treibend, nur echt mit dem Rrrummms.

Das machen Bullage mit dem ersten Akkord deutlich. Der eingefleischte Stromgitarren-AC/DC-Fan reibt sich die Ohren und muss verwundert anerkennen: Die Idee, „High Voltage“ unplugged spielen zu wollen, ist witzig – aber kein Witz. Hochspannung mit oder ohne Strom, das ist ruckzuck völlig egal. Hauptsache Hochspannung. Weil’s einfach nach AC/DC klingt. Die Fans feiern die Songs, die AC/DC-Grundstimmung. So lange die Musik gut gespielt wird, ist’s egal, wer sie spielt. Aber auch das allein ist’s nicht. Bullage haben Bobo Carrington. Auf den ersten Blick passt der nicht wirklich zur Band. Rastalocken, Nasenring, der sieht nicht nach Schwermetall aus. Punk – vielleicht, Reggae – sicher. Aber typisch Hardrock? „Typisch“ spielt in Carringtons Wortschatz vermutlich eh nur eine nachgeordnete Rolle. Ein typischer 51-Jähriger ist er jedenfalls nicht.

Auch die Bühnenshow ist untypisch, Bullage sind der AC/DC-Gegenentwurf. Nun ja, Bühnenshow. Angus Young hüpft in seiner Schuluniform zum Solo auf einem Bein über die Bretter, spielt im Liegen, legt einen Striptease hin. Heiter sitzt. Mit Schuluniform zwar, aber er sitzt. Wurmannstetter – sitzt, Braun – sitzt, Brühl – sitzt. Und Carrington sitzt selbstredend auch, er allerdings im Schneidersitz auf seinem Bühnenstühlchen. Zweieinhalb Stunden barfuß im Schneidersitz. Mit Yoga hat das nichts zu tun, entspannt klingt Carrington zu keiner Sekunde. Wäre auch seltsam – wann jemals haben Bon Scott oder Brian Johnson tiefenentspannt geklungen? Über Stunden diesen Kopfstimmen-Bruststimmen-Mix durchzuhalten, dieses dauernde Kehlkopf-Filetieren, dieses Herausschälen der Stimmbänder mit der Breitaxt. Kann nicht gesund sein.

Braucht’s aber, weil’s sonst nicht Scott ist oder Johnson. Carrington zieht das durch, mit ein paar Wacklern zwar, aber wen kümmert’s? AC/DC-Gesang ist nicht glockenrein, darf’s auch nicht sein. Wenn Glocken, dann Höllenglöckchen. Denn die hat Carrington immer dabei, wenn er ausgestöpselt unterwegs ist. Mit seinen Fingerzimbeln schlägt er „Hells Bells“ ein, dreizehn Mal. Keine sonoren Kirchenglocken, sondern das hohe, durchdringende Klingeln der Zimbeln. Bierernst geht anders. Entsprechend sind die Zuhörer erst einmal überrascht, irritiert, aber dann löst sich alles in Gelächter auf. Genau das macht den Bullage-Reiz aus: Sie sind nicht nur ein Imitat, ein Abklatsch, nicht einfach nur eine weitere Coverband. Sie geben jedem Song eine eigene Klangfarbe, etwas Originäres, auch mal was Witziges, immer etwas völlig anderes als von den Originalen vorgesehen. Eigentlich machen sie genau das Gegenteil von Young & Co. Vermutlich exakt deshalb ist die Illusion nahezu perfekt. Ein Hauptspaß.