Pitschnass – ganz ohne Regen

Konzerte beim Baumburger Regenfest: Von überambitioniert bis überragend oder Vom Drang, eine Gebetsfahne zu klöppeln

Von Andreas Falkinger

30 Grad, mindestens. Trocken. Wolkenlos. Was für ein Mistwetter. Regenfest war angesagt, ein Fest fürs Wasser, für Platzregen, Schnürlregen, Dauerregen, Starkregen, Sprühregen, warmen Regen – alles wär recht gewesen. Eine sichere Bank, so ein Regenfest im Sommer 2017. Eigentlich. Nicht am vergangenen Wochenende, da zelebrierte der August seine ganze hitzige Macht. Sieben Bands, Publikum, Infos über Regen und Wasser, alles war vor Ort. Nur der Ehrengast nicht. Kein Tröpfchen weit und breit, bis auf die paar Spritzer aus den Wasserpistolen, die Veranstalter Muk Heigl bereitgelegt hatte. Sicherheitshalber. Damit das Regenfest nicht ganz ins Wasser fällt.

Klar, sonderlich originell ist ein Abriss der Wetterlage als Einstieg in eine Konzertkritik ja nicht. Aber darüber muss aus gegebenem Anlass halt auch geschrieben werden. Heigls Kalkulation jedenfalls ging auf: Wenn ein Regenfest ins Wasser fällt, dann muss das Wetter schön sein – und gefeiert wird trotzdem.

Das Thema an sich ist nicht spaßig. Mancher meint, Wasser sei der Rohstoff, um den demnächst Kriege geführt werden. Das sei mal dahingestellt. Jedenfalls gehen wir sehr sorglos um mit Wasser. Damit wir eine Tasse Kaffee trinken können, setzen die Produzenten in Südamerika, Afrika oder Asien rund 140 Liter Süßwasser ein. 1300 Liter Wasser braucht’s, um ein Kilo Weizen zu gewinnen, 2700 Liter für ein einziges T-Shirt, 5000 Liter für ein Rindersteak. Diesen Ressourceneinsatz stemmen meist Landstriche, die eines nicht im Überfluss haben: Trinkwasser. Auch darauf wollte Heigl mit seinem Regenfest hinweisen. Deshalb waren beispielsweise Greenpeace und Amnesty International mit Infoständen in Baumburg.

Natürlich geht wegen dieser Stände keiner auf ein Festival, außer diejenigen, die hinter den Ständen stehen. Um die Musik dreht sich’s fürs Publikum, die Infos zum Thema Regen und Wasser gibt’s in jeweils der Dosis, wie sie der einzelne verträgt. Unaufdringlich. Wie die ersten Bands. Titus Waldenfels und Conny Merritt swingen locker und charmant in den Nachmittag hinein, Aya & the Rainmakers lassen’s archaisch grummeln, mit Percussion, Didgeridoo und Hang. Meditativ. Den Kontrapunkt dazu setzt die Chiemsee Ukulele Combo: Die ist lustig, spielt frisch von der Leber weg, hat Spaß, macht Spaß.

Dann wird’s ernst, zumindest ernster. Sabine Xoxi Huber und Florian W. Huber, seines Zeichens Doktor der Psychologie, Magister der Philosophie, Therapeut, Dozent, Songwriter und als solcher 2013 mit dem Deutschen Rock- & Pop-Preis ausgezeichnet, stehen auf der Bühne. An der Musik ist wirklich nichts auszusetzen, die ist mehr als nur ordentlich. Aber den Texten merkt man das Sendungsbewusstsein des Philosophen und Psychologen schon arg an. Vom Seerosenteich bis zum Ozean, alles drin, alles sehr ambitioniert bis überambitioniert. Das hat was von ökumenischem Kirchentag. Man möcht‘ gleich eine Gebetsfahne klöppeln, eine Friedenstaube filzen, je nach Neigung. Friede, Freude, Eierkuchen, natürlich vegan. Wer’s mag.

Und es wird nicht leichter. Immer noch Bullenhitze, dazu Tobias Regner. Der macht jetzt Deutschrock, handwerklich sauber, Stimme und Talent hat er, wahrscheinlich im Überfluss, kein Vertun. Aber auch hier sind die Texte die Krux. So ist das mit dem Deutschrock. Bisweilen kann man sich des Eindrucks nur schwer erwehren, Liedermacher benutzten beim Texten alle denselben Setzkasten, zögen blind Wörter und schraubten sie zusammen. Raus kommen immer Variationen derselben vorgestanzten Phrasen, derselben tiefempfundenen Belanglosigkeiten. Irgendwas mit „Das Leben ist zu kurz, fang endlich damit an“ und der großen Liebe, die „irgendwo da draußen“ wartet. Da steht wieder einer, der’s erzwingen, der mit Gewalt ernst genommen werden will. Das ist anstrengend angestrengt, tausend Mal gehört, tausend Mal ist nix passiert. Und Bohlens Deutschland sucht immer noch Superstars. Wozu eigentlich?

Plötzlich ist alles anders. Leichtigkeit kehrt mit Wucht auf die Bühne zurück, die Kraft, die unbändige Lust zu schwitzen, zu unterhalten und dabei das letzte Hemd zu geben. Dynamite Daze, Haudegen des Bluesrock, sind da. Keine Kompromisse, keine Gnade, keine Gefangenen. Die kennen nur eine Richtung – nach vorn – und nur ein Tempo: Vollgas. Dass sie dabei die Zuhörer nicht abhängen, ist für Dietrich „Didi Dinamite“ Metzger, Andrea Tognoli, Martin Czemmel und Colin Jamieson Ehrensache. Dynamite Daze brauchen ihr Publikum, um den Bluesrock zu feiern – und das Publikum braucht die Band. Es geht ab. Didi darf man mit Fug und Recht als „Röhre“ bezeichnen. Er erzählt Geschichten, rau und ungeschminkt, immer nah am Rinnstein. Ob die wahr sind? Egal, sie unterhalten, sie reißen mit – ob er nun seine Geschichten erzählt, singt oder sie auf der Bluesharp begleitet. Dazu kommen die vorzüglichen Instrumentalisten: „Professor“ Czemmel an der E-Gitarre, Tognoli am Bass und natürlich der Schlagzeuger Jamieson. Das Quartett macht Laune, schwitzt und lässt die Zuhörer schwitzen. Pitschnass um Mitternacht. Da braucht’s dann auch keinen Regen mehr.