Den Daumen aufgedrückt

Helmut Sollinger stellt in der Baumburger Galerie im Gutshof aus

„Sobald er anfängt seine Fingerabdrücke zu modifizieren, ihnen optische Haken und Ösen zu verpassen, outet er sich als Mann des feinen Humors.“ In seinen einleitenden Worten zur Ausstellung „Schwarz-Weiß mit farbigen Tupfern“ von Helmut Sollinger in der Galerie im Gutshof in Baumburg hat Trostbergs Stadtheimatpfleger Dr. Rainer Lihotzky die Herangehensweise des Künstlers an seine Arbeit klar umrissen – von der Bildidee über das Markenzeichen bis hin zum bisweilen witzigen, karikaturhaften Resultat.

Das, was jeder Künstler anstrebt, ist dem Altenmarkter Grafiker, Zeichner und Illustrator Sollinger gelungen: Er hat eine eigene Bildsprache, ein Markenzeichen entwickelt – den überdimensionierten Fingerabdruck. Der findet sich auf jedem Werk wieder, das Sollinger in der Baumburger Galerie zeigt. Damit formuliert Sollinger eine große Klammer um seine Werke – auf den ersten Blick gleichen sich die Fingerprints; für den, der genauer hinschaut, wird klar, dass sie Ausdruck differenziertester Individualität sind. Wie im wirklichen Leben halt auch. Doch da bleibt Sollinger nicht stehen: Er entwickelt seine Abdrücke weiter, macht aus ihnen Clowns und Kobolde, Raben und Fische, Blätter und Bäume. Der klar erkennbare Daumenabdruck wird zum Symbol, zur Abstraktion des Symbols, und das wiederum ziemlich handfest. Sollinger springt mit seinen Abdrücken durch mehrere Ebenen. Sollingers Abdrücke sind konkret und gleichzeitig kaum fassbar. So erzeugt er Spannung in seinen Arbeiten. „Es ist, als würden die Fingerabdrücke Schabernack treiben mit dem Betrachter“, sagte Lihotzky.

Sollinger geht’s in seinen Grafiken nicht ums rein Dekorative. Er mischt sich ein, er beobachtet, was in der Welt um ihn herum los ist, er reduziert, abstrahiert, baut um, überhöht und drückt dem, was ihm gegen den Strich geht, seinen Stempel, seinen Fingerabdruck auf. „Es ist sein Signet, mit dem er seiner Meinungsäußerung Nachdruck verleiht. Da sind Mahnungen zum Umweltschutz, aber auch politische Spitzen zu erkennen.“ Wenn er in dieses Stadium vordringt, sind Sollingers Arbeiten am stärksten. Aufs Wesentliche reduziert – auf Abdrücke und wenige Striche – nimmt er in zwei Triptychen die Bayern-LB aufs Korn: vor weiß-blau gerauteter Fahne hüpfen und fliegen Fingerabdruck-Krähen rum – und stürzen ab. Sollinger erzählt mit seinen Arbeiten Geschichten, und er erzählt sie mit Witz. Und er weiß auch, wann’s ernst wird: So illustriert er deutsche Geschichte mit Flucht, Mauerfall und Wiedervereinigung. Und das tut er nicht um eines nostalgischen Blickwinkels willen, sondern er versteht diese Geschichte als Mahnung, wie wir heute mit Flucht umgehen und wie wir damit umgehen könnten und sollten.

„Manchmal entsteht der Eindruck, er handelt nach dem Motto ,Daumen drauf und basta!‘. Manchmal gibt Sollinger seinen Daumenstempeln aber auch etwas Koboldhaftes“, erläuterte Lihotzky. „Diese Kobolde entwickeln ein Eigenleben und kugeln und purzeln durch die Gedankenwelt des Helmut Sollinger.“ Wie diese Kobolde ihre Eigenheiten besitzen, vermittelten sie in den Bildern eine Art von Koboldleben, das in der Gesamtschau zu einer im positiven Sinne konstruktiven Naivität führe. Andreas Falkinger