Carl Verheyen beim Baumburger Kultursommer

Weltklasse ganz ohne Starallüren

Verheyen, Marotta und Wackerman beim Baumburger Kultursommer: Virtuos und sympathisch

Von Andreas Falkinger

Vom ersten Moment an ist klar: Die, die da auf der Bühne stehen, wissen haargenau, was sie tun. Und sie tun’s nicht nur so lala. Die geben Vollgas. Von null auf 100 von jetzt auf gleich. Vollprofis. Aber das ist ja auch wenig überraschend. Das sind nicht irgendwelche Musiker, die da den musikalischen Schlusspunkt des Baumburger Kultursommers setzten. Das sind Carl Verheyen, Dave Marotta und Chad Wackerman. Verheyen ist seit 1985 Gitarrist bei Supertramp, Marotta zupfte seinen Bass unter anderem für Phil Collins, Colbie Caillat, Toni Braxton, B. B. King und Bruce Hornsby, Wackerman war zehn Jahre lang Frank Zappas Schlagzeuger.

Die Drei haben also schon in vollen Stadien gespielt, zehntausende Zuhörer begeistert. Da sind die paar Hundert im Innenhof des historischen Baumburger doch ein Klacks. Möchte man meinen. „Wir müssen das Publikum am Ende des ersten Songs auf unserer Seite haben. Wenn man mit einer Band wie Supertramp auf einer gigantischen Bühne steht, dann ist das Publikum sofort dabei. Bei uns kennen sie die Musik nicht wirklich. Da muss man hart arbeiten“, erzählt Verheyen nach dem Konzert in Baumburg. Sorgen müssen sich die WeltklasseInstrumentalisten indes nicht machen: Sie haben die Zuhörer tatsächlich sofort im Sack.

Der Baumburger Gig ist der allererste dieser Tour durch Deutschland, Österreich, die Schweiz, Belgien und Holland. Zwei Nachmittage lang haben sich Verheyen, Marotta und Wackerman zusammengesetzt, miteinander geprobt, die Set-Liste ausgearbeitet. Zwei Nachmittage – und die Songs sitzen wie eingestanzt. „Wir kennen einander seit wir 18, 20 sind, haben immer wieder mal zusammen gespielt. Die Chemie stimmt – und drum reichen zwei Nachmittage.“ Und wie die reichen. Dabei ist das Material alles andere als anspruchslos. Das sind sauber durcharrangierte Songs irgendwo zwischen Rock, Blues und Jazz.

Verheyen hat ein Rack voller technischer Spielzeuge dabei, mit denen er den Klang seiner Gitarre verändert, verzerrt. Doch er verzerrt nicht nur, weil er es kann. Er verzerrt, wenn’s passt. Dabei gelingt es ihm immer, den Grundsound seines Instruments zu erhalten, nichts wirkt aufgesetzt oder mutwillig verkünstelt. Genauso wie Verheyen halten’s seine Kollegen: Man zeigt, was man kann, aber nicht um der Virtuosität wegen: Im Zentrum steht der Song, nicht der Star. So ist das wohl in der Liga, in der die Drei spielen. Weltklasse.

Wenn sie sich nicht schon seit jungen Jahren kennen würden, sie hätten auch so zusammenfinden müssen: Ihre Einstellung zur Musik ist nahezu deckungsgleich. Die Kalifornier Verheyen, Marotta und Wackerman haben sich in den verschiedensten Stilrichtungen und Formationen versucht und dabei Erfolg gehabt. Ob Rock, Blues, Country, Pop oder Jazz – sie haben ihrPublikum begeistert. Für ihr gemeinsames Projekt nehmen sie das Beste aus allen Stilen und verschmelzen es zu einer homogenen Einheit mit genügend Freiraum für Solo-Ausflüge. Da zeigt sich dann die individuelle Klasse. Hört das Publikum während der Soli beinahe atemlos zu, löst sich danach die Anspannung im heftigen Beifall.

Wer auf „School“, „Dreamer“, „Breakfast in America“ oder gar „It’s Raining Again“ gewartet hat, hat umsonst gehofft. Supertramp spielt beim Auftritt in Baumburg keine Rolle. Zappa allerdings auch nicht. Coverversionen sind dünn gesät, sehr dünn. George Harrisons „Taxman“ wird gespielt – als Verbeugung vor dem Beatle, den Verheyen als eines seiner wichtigsten Vorbilder bezeichnet. Aber hat auch genügend eigenes Material – und kein schlechtes. Für seine aktuelle Scheibe sind unter anderem der Deep-PurpleGitarrist Steve Morse und die Saitenhelden Joe Bonamassa und Robben Ford ins Studio gekommen. Das sagt einiges über den Stellenwert Verheyens in der Musikszene. An Robben Ford, in dessen Band Verheyen auch schon gespielt hat, erinnert sein Gesang. Keine überwältigende, aber eine sehr sichere, sehr angenehme und vor allem sehr sympathische Stimme. Sympathisch – so kommen die Drei im Baumburger Gutshof rüber. Ein ganz besonderes, ein äußerst befriedigendes Musikerlebnis.