Ron Williams und Jörg Seidel beim Baumburger Kultursommer.

Ron Williams an der Luft- und Jörg Seidel an der Jazzgitarre. Foto: fal

Soul und Jazz, die passen zusammen

Ganz viel Seele: Ron Williams mit dem Jörg Seidel Swing Trio beim Baumburger Kultursommer

Von Andreas Falkinger

Ein Abend für Nostalgiker. Ein Jazztrio in der Tradition der schlagzeuglosen Formation von Nat King Cole und dazu ein Repertoire mit Liedern, die aus der Zeit der 30er bis 60er Jahre stammen. Alles zigmal gehört. Gassenhauer. Und trotzdem: Es ist deutlich mehr als das Übliche, wenn das Jörg Seidel Swing Trio gemeinsam mit Ron Williams auftritt. Es sind Standards, die sie in ihrem Programm „Jazzin‘ up Your Soul“ auf die Bühne im Innenhof des Baumburger Gutshofs spielen, aber sie spielen sie anders. Blues und Swing und Soul sind eine Einheit. Wobei der Gesang Williams‘ und damit der Soul dominiert.

Genau das macht die Musik der vier Künstler aus: Gitarrist Seidel, Pianist Hermann Linecker und Bassist Stefan Gfrerrer – allesamt Jazzer allererster Güte – lassen sich ein auf den Soul des Sängers Ron Williams – und das, ohne „ihren“ Jazz zu vernachlässigen oder gar zu verleugnen. Hartes Brot für den Jazz-Puristen. Aber der ist eh ein armer Wicht, weil er noch immer nicht begriffen hat, dass es den puren Jazz nie gab. Jazz hat immer andere Stile für seine Spielarten genutzt, war nie rein und dadurch immer lebendig und dynamisch. Jazz und Soul? Die passen zusammen.

Richtig muss es hier natürlich heißen: Soul und Jazz, die passen zusammen. Die Soul-Klassiker bestimmen das Programm. Die großartigen Instrumentalisten machen sie sich zu eigen, sie übersetzen sie ins Jazzige. Der Soul spricht Jazz, und zwar fließend. Jazzin‘ up Your Soul eben. Dass Seidel das gelingt, überrascht nicht wirklich. Der Gitarrist steht einem John Pizzarelli in wenig nach. Der Mann swingt bis in die Haarspitzen.

Williams ist es, der überrascht: Der 71-Jährige hat tatsächlich eine große Soulstimme. Warum überraschend? Vermutlich liegt’s daran, wie man den Entertainer jahrzehntelang medial wahrgenommen hat – als Hansdampf in allen Gassen. Hier Radiosprecher, dort Kabarettist. Hier machte er „Spaß am Dienstag“, dort stand er in John Steinbecks „Von Mäusen und Männern“ auf der Bühne. Hier Synchronstimme der Krabbe Sebastian in „Arielle, die Meerjungfrau“, dort Co-Moderator einer Kochsendung mit Alfons Schuhbeck. Seit seiner Zeit als GI ist der Mann nicht wirklich zu fassen. Oder festgelegt auf die Rolle des vorwiegend Lustigen.

Das ist er nicht uneingeschränkt, natürlich nicht. Spätestens mit einem Blick auf Williams‘ Biografie wird die Tiefe deutlich, die ihn genauso ausmacht wie das Leichte. In den vergangenen zehn Jahren war er mit der „Martin Luther King Story“, der „Ray Charles Story“, der „Nelson Mandela Story“ und der „Harry Belafonte Story“ auf Tournee, seit 13 Jahren machte er auf seiner „Tour für Toleranz“ Station in mehr als 100 Schulen, im Jahr 2000 übernahm er die Patenschaft für die „Kinderkulturkarawane“, die mit Unicef jedes Jahr Kinder aus Entwicklungsländern nach Deutschland bringt, wo sie durch ihr Talent und ihre Auftritte Brücken zwischen den Kulturen bauen. Seit 2006 engagiert er sich für die „Stiftung Leben ohne Rassismus“.

Der Schritt vom Einsatz für die Menschenrechte zum Soul ist für den Künstler Williams fast zwangsläufig. Zum einen hat er die Stimme dafür, zum anderen ist die Geschichte des Soul untrennbar verknüpft mit der Geschichte des Kampfes gegen Rassentrennung und für Gleichberechtigung – man denke nur an James Browns „Say It Loud – I’m Black And I’m Proud“ oder Aretha Franklins „Respect“.

Politische Botschaften hat auch  Williams parat: Er mahnt, den afrikanischen Flüchtlingen auf Lampedusa mit Respekt zu begegnen, von Mensch zu Mensch. Es sind nicht die Soul-Klassiker mit eindeutiger politischer Botschaft, die er und das Swing-Trio präsentieren, eher die glatten, die leichten und eingängigen Stücke. Aber auch denen kann man mit der richtigen Besetzung offensichtlich Tiefgang verleihen, ob das nun „Mustang Sally“ ist oder „Stand By Me“ von Ben E. King, das auch schon mal als B-Seite für Cassius Clays Sangeskünste herhalten musste.

Und so sind sie alle zu hören, „(Sittin‘ On) The Dock of the Bay”, „The Thrill Is Gone“, Carole Kings „You’ve Got A Friend“. Und immer wieder Stücke, die Ray Charles geschrieben oder zumindest bekannt gemacht hat: „Unchain My Heart“, „Hallelujah I Love Her So“, „I Got A Woman“, „Georgia on My Mind“. Die Affinität Williams zum großen Vorbild ist spür- und vor allem hörbar. Dazwischen kommt ein von Violinen-, Bratschen- und Cellogedöns befreites „Eleanor Rigby“ daher. Williams, Seidel, Linecker und Gfrerrer machen es unmittelbar zu dem, was es sein sollte: zu einem Lied für die Einsamen.

Nur der Melancholie keinen Schwung lassen: Gegen Ende lassen die Musiker passend zum Kultursommerabend Gershwins „Summertime“ aus der Kiste, ein Stück, dass im globalen Geschmackskonsens und bei Fahrstuhlbeschallern als zeitlos schön gilt. Man kann’s fast schon nicht mehr hören. Doch da hauen die vier Männer auf der Bühne nochmal einen raus, verstärkt von Seidels 16-jähriger Tochter Katharina. Die liefert sich mit Williams ein Duett, aber hallo, die singt ihn beinah an die Wand. Aber weil’s kein Wettbewerb ist, haben zum Schluss alle gewonnen, die älteren und die jungen Seelen. Der Soul.