Pipeline mit Valerie McCleary.

Ursprünglich, aber nicht altbacken ist der Irish Folk, den Dermot Hyde (oben), Tom Hake und Valerie McCleary nach Baumburg gebracht haben. Foto: fal

Kerrygold-Werbung ohne Butter

Pipeline und Valerie McCleary beschließen den Baumburger Kultursommer 2013: Beeindruckende irische Nacht

Von Andreas Falkinger

Irische Musik? Das ist doch „Whiskey in the Jar“, „Seven Drunken Nights“. Irgendwas mit Saufen und Grölen. So ist das mit den Klischees. Sie stimmen schon auch. Manchmal. Aber nicht nur. Irische Musik ist auch ganz anders. Sie erzählt, Geschichten aus Zeiten der Entbehrungen und Hungersnöte, Geschichten vom Auswandern und vom Daheimbleiben, von Liebesfreud und Liebesleid, mal traditionell, mal frisch. Irische Musik kann spannend sein.

Zumindest wenn Pipeline und Valerie McCleary auf der Bühne stehen. Kultursommer-Organisator Muk Heigl hatte die Eingebung, Dermot Hyde und Tom Hake gemeinsam mit der nordirischen Sängerin auftreten zu lassen. Eine ausgezeichnete Idee, zumal jeder der Beteiligten für sich genommen schon mit seiner Musikalität beeindruckt. Pipeline und McCleary scheinen auf Anhieb den Draht zueinander gefunden zu haben. Sensibel gehen sie aufeinander ein.

Hyde und Hake allein: Das klingt bisweilen, als sängen Simon und Garfunkel irische Weisen. Das Pipeline-Instrumentarium ist dagegen deutlich größer: Sie begleiten sich mit Irischer Harfe, Gitarre, Bouzouki, Irischem Dudelsack und Flöten, irische Klangfarben durch und durch. Der Zuhörer kann gar nicht anders, als beim Zuhören an Klippen in rauer See, endlose Wiesen, grasende Schafe und Kühe, prasselnden Regen zu denken. Wenn Pipeline musizieren, dann läuft im Kopfkino Kerrygold-Werbung. Nur ohne Butter.

McCleary ergänzt das ohnehin starke Duo nicht nur, sie bereichert es. Die Wahlmünchnerin ist im Januar 66 geworden, ihre Stimme klingt aber so frisch, so kräftig und so verletzlich, als sei die Sängerin im Höchstfall Anfang, Mitte 30. So ein Dudelsack klingt für sich genommen ja doch eher plump und derbe, aber wenn McCleary dazu singt, dann ist das, als ob die beiden miteinander flirten würden. McCleary ist mit Pipeline ganz in der Heimat angekommen. Das hört sich richtig an, das muss so sein.

Als Hyde, Hake und McCleary dann „She Moved through the Fair“ anstimmen, gibt’s kein Entrinnen mehr. Das ist der größte Moment des an großen Momenten nicht armen letzten Konzerts des Baumburger Kultursommers 2013: Die Simple Minds haben dieses Volkslied 1989 für ihren Hit „Belfast Child“ adaptiert. Jeder hat das im Ohr. Dem Trio gelingt es, mit dem Schritt zurück zur ursprünglichen Version vor Augen und Ohren zu führen, wie sehr die Musik von den Simple Minds, U2, Them, Corrs und Cranberries von überlieferten Klängen gespeist wird. Pipeline spannen den Bogen vom Volkslied zu Pop und Rock, sie schließen dem Zuhörer jüngere irische Musik auf, ohne den festen Boden des Folk auch nur im Ansatz zu verlassen. Generationenübergreifendes Verstehen und Verständnis erzeugen sie, und das mit einer schier unerhörten Leichtigkeit.

Wer die drei Musiker miteinander erlebt hat, dem fällt es in Zukunft schwer, Irish Folk ausschließlich auf Whiskey und Bier, auf Saufen und Grölen, auf Pogues und Dubliners zu reduzieren. Es ist nicht wirklich überraschend, dass irische Musik aus Emotionen, Erfahrungen, Erleben schöpft, die weit über jedes Klischee hinausgehen. Bairische Volksmusik hat ja auch nichts mit dem zu tun, was die Leute in den Wiesn-Bierhallen auf die Bänke und Tische treibt. Wir wissen das – doch die außerbayrische Wahrnehmung ist davon zu Unrecht geprägt. Den Irien geht’s da nicht anders. Aber Hyde, Hake und McCleary haben mit ihrem intimen, innigen und durchaus humorigen Gastspiel in Baumburg gezeigt, dass solche Konzerte mehr sind als nur musikalische Bespaßung: ein Plädoyer für Toleranz.

erschienen am 12.09.2013 im Trostberger Tagblatt/Traunreuter Anzeiger

Homepage von Pipeline: www.pipeline-music.com/de/home.php

Homepage von Valerie McCleary: www.mcclearysings.de