Matching Ties beim Baumburger Kultursommer

Keine Irish-Folkstümelei

Pipeline und Matching Ties verbreiten irische Kultur auf ansprechendem Niveau

Von Andreas Falkinger

Irish Folk? Trefflich geeignet, um sich bei einem halben Fass lauwarmem Guinness mental wegzustellen. Und wem das nicht reicht, der kippt eine Gallone irischen Whiskeys hinterher, natürlich nicht ohne in regelmäßigen Abständen „Sláinte!“ zu grölen. Wenn’s die Koordination dann noch hergibt, legt man einen irischen Stepstanz – oder was man dafür hält – auf die Bretter. So schaut er aus, der irische Volksmusikabend? Weit gefehlt. Zumindest wenn Pipeline und Matching Ties zur Irischen Nacht des Baumburger Kultursommers im ehemaligen Rossstall des historischen Gutshofs aufspielen.

Als erstes fällt das Arsenal auf, das die sechs Musiker rund um die Bühne drapiert haben. Flöten, Dudelsäcke, Gitarren, eine Geige, eine Harfe und diverse andere Saiteninstrumente. Instrumente, die für ein ganzes Orchester ausreichen würden. So viel Material nimmt man nur mit, wenn man’s auch beherrscht. Davon kann man bei Dermot Hyde und Tom Hake einerseits und bei Paul Stowe, Trevor Morris, Colm O’Tuama und Peter Corbett andererseits ruhigen Gewissens ausgehen.

Dass von den Sechsen einer aus den USA, einer aus Großbritannien und einer aus Deutschland stammt, stört den Eindruck, dass da echt irisch musiziert wird, mitnichten. Und dem Klischee, dass es auf der Grünen Insel hart aber herzlich zugeht, werden alle – ob Ami, Brite oder Deutscher – gerecht. Pipeline und Matching Ties erklären dem Publikum polternd und knarzig, warum es die CDs der jeweils anderen Formation unbedingt nicht kaufen sollte. Mit einem derben Augenzwinkern natürlich. Wobei sich die Musiker auch bandintern hochnehmen. Ungeschoren kommen die Zuhörer davon – umso amüsierter sind sie von den Musikerscharmützeln.

Weniger hart und derb geht’s zu, wenn sie zu den Instrumenten greifen. Eigentlich gar nicht hart und derb, eher filigran und ausgefeilt. Vor allem Hyde und Hake von Pipeline präsentieren komplexe Melodien, mit denen sie weit ganz weg von der üblichen Irish-Pub-Bierseligkeit sind. Hyde ist ein Meister an den Uilleann Pipes, dem hochentwickelten irischen Dudelsack. Keine Nuance, die er nicht herausarbeiten könnte und dabei trotzdem spielerische Leichtigkeit zeigt. Und auch die Tin Whistles, die mit Blockflöten wenig gemein haben, scheinen dem Iren keinerlei musikalische Grenzen zu setzen. Nicht weniger virtuos ist Hake, der sich als Deutscher nahtlos an Harfe, Bouzouki und Gitarre in die keltische Klangwelt einfügt.

Ebenso nahtlos führen die Matching Ties den musikalischen Ausflug auf die Grüne Insel fort. Stowe, Morris, O’Tuama und Corbett haben sich ein Ziel gesetzt: Zu zeigen, dass irische Musik mehr ist als „Whiskey in the Jar“, „Fiddlers Green“ und „Wild Rover“. Das heißt nicht, dass sie auf Gassenhauer verzichten – wenn’s der Stimmung zuträglich ist. Aber sie tun das wohldosiert, wechseln zwischen Originellem und Originärem, zwischen Gefühlvollem und Fröhlichem; dazwischen gibt’s launige Ansagen. Auf ansprechendem Niveau wollen die Matching Ties irische Kultur verbreiten. Das ist ihnen in der dazu wie geschaffenenen Baumburger Rossstall-Atmosphäre – gemeinsam mit Pipeline – voll und ganz gelungen.