Quadro Nuevo beim Baumburger Kultursommer

Glanzlicht des Baumburger Kultursommers

Quadro Nuevo in modifizierter Besetzung: Prächtiges Konzert wird dem prächtigen Rahmen gerecht – 300 begeisterte Zuhörer

Von Andreas Falkinger

Was macht eine hervorragende Musikgruppe, der der eigentlich unersetzliche Gitarrist ausfällt? Resignieren? Eine Pause? Zerfällt die Band gar? Oder wird ein Ersatz-Gitarrist gesucht, der die Rolle des schmerzlich Vermissten so gut es geht ausfüllt? Alles Alternativen, denen es an Charme fehlt. Doch Charme ist eine der Kernkompetenzen von Quadro Nuevo. Und deshalb haben Mulo Francel, Andreas Hinterseher und D.D. Lowka einen äußerst charmanten Lösungsweg gewählt: Sie haben kurzerhand die herausragende Harfenistin Evelyn Huber in ihre Band integriert. Dass das kein Experiment, sondern eine wirklich geglückte Konstellation ist, davon konnten sich am Freitagabend rund 300 Zuhörer in der Baumburger Klosterkirche überzeugen.

Das Konzert im Rahmen des von Muk Heigl organisierten Baumburger Kultursommers hätte eigentlich im historischen Innenhof des Gutes Baumburg über die Bühne gehen sollen. Doch – wie diesen Sommer üblich – machte da das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Deshalb entschloss sich Heigl am Donnerstagabend, das großzügige Angebot von Pfarrer Josef Stigloher anzunehmen und das Quadro-Nuevo-Konzert in die Kirche zu verlegen. Blitz und Donner bestätigten dann am Freitagabend die Richtigkeit dieser Entscheidung – auch wenn die befürchteten Regengüsse ausblieben. Und der Rahmen, den das Konzert dadurch bekam, könnte festlicher und stimmiger nicht sein. Der Auftritt des Quartetts in der barocken Kirche wurde zum musikalischen Hochamt.

Gitarrist Robert Wolf wurde im vergangenen Advent unverschuldet in einen schweren Autounfall verwickelt, von dem er sich derzeit erholt. Eine Katastrophe für ein Ensemble, das gerade durchstartet: Die deutsche Phonogesellschaft zeichnete Quadro Nuevo mit zwölf Jazz Awards aus. Vom Verband Independent Music Publishers and Labels Association bekamen sie in Paris vier Mal den Impala verliehen; im Dezember 2007 standen sie an einem der bekanntesten Veranstaltungsorte für Konzerte in den Vereinigten Staaten auf der Bühne: in der Carnegie Hall. Mit ihren Stücken werden im Bayerischen Fernsehen regelmäßig Beiträge unterlegt, der Sender Vox bedient sich ihrer Musik, wenn „Das perfekte Dinner“ stimmungsvoller Untermalung bedarf.

Wer derart „in“ ist, gibt sich mit halbherzigen Lösungen nicht zufrieden. Durch die zwölfjährige Zusammenarbeit von Francel und Huber im Ensemble Tango Lyrico bestand bereits enger Kontakt. Da lag es nahe, dass die Lehrbeauftragte für Harfe an der Musikhochschule in München und Gastprofessorin an der Guildhall School of Music in London Wolfs Platz einnimmt.

Die Harfe ist mit Vorurteilen behaftet – ein Instrument, dem engelsgleiche Geschöpfe zarte Melodien entlocken, komplex zu spielen zwar, aber doch immer lieblich, himmlisch, ätherisch. Irrational eigentlich, ist die Harfe doch mit 180 Zentimetern Höhe und einem Gewicht von bis zu 40 Kilo eines der größten und schwersten Orchesterinstrumente. Die erwähnten Vorurteile könnte Huber allesamt bestätigen. Doch die Meisterin ihres Fachs beweist, dass die Harfe mehr kann als heile Welt zu vertonen. Huber dringt tief ein in ihr Instrument, die verschmilzt mit ihm, sie schlägt, streichelt, zupft es, sanft, gefühlvoll, expressiv, perkussiv. Huber ist eine Ausnahmeharfenistin, die als Solokünstlerin alle Facetten abdeckt. Doch im Ensemble ist sie das, was der Fußballer als „mannschaftsdienlich“ bezeichnet. Sie lässt sich die Bälle zuspielen, nimmt sie auf, jongliert ein wenig damit und gibt sie weiter an die Kollegen. Das macht sie so perfekt wie unaufdringlich. Weil ihr ihre Kollegen in puncto Meisterschaft in nichts nachstehen, wird das Konzert zu einem runden Erlebnis – purer Musikgenuss.

Das allein wär’s wert, Quadro-Nuevo-Konzerte zu besuchen. Doch die Virtuosität der vier Musiker auf der Bühne ist’s ja nicht allein. Charme ist – wie erwähnt – eine der Kernkompetenzen des Quartetts. Das äußert sich auch in den Conferencen Francels – immer zurückgenommen, immer von einer eigentlich ungerechtfertigten Bescheidenheit getragen. Unaufdringlich stellt er den unmittelbaren Kontakt zum Publikum her. Und lässt sich auf Dialoge ein. In der Baumburger Kirche kündigt er an, dass sein Ensemble jetzt Melodien spielen wird, die für das Hörbuch „Italienische Reise“ arrangiert wurden. Gelesen werden Goethes Texte übrigens von Ulrich Tukur, Ulrike Kriener und Frank T. Zumbach. Beim Stichwort „Italien“ jedenfalls reißt’s einen Zuhörer im Kirchenraum, einen Italiener, und er schwenkt begeistert seine Trikolore, die er wohl nicht nur zufällig mit sich führt. Er weiß, dass Quadro Nuevo berühmt sind für ihre „Canzone della Strada“. Es entwickelt sich ein kurzes, lockeres Gespräch zwischen Francel und dem Fähnchenschwenker – auf Italienisch natürlich. Und das Publikum staunt und lacht.

Natürlich packt Francel auch in Baumburg seine ganz besondere Showeinlage aus: Er klemmt sich den Bassbogen zwischen die Zehen – und während er oben Klarinette spielt, schlägt er unten den Psalter. Nicht mal eben so, keinesfalls mehr schlecht als recht, kein billiger Effekt, sondern so gut wie amüsant. Das Stück „Miserlou“ leitet er wieder mit einem Didgeridoo-Solo ein. Mangels Didge bläst er das Solo auf der Bassklarinette. Nebenbei beweist er, dass Saxofon und Klarinette nicht nur Holzblas-, sondern auch Percussion-Instrumente sind: Er lässt im Takt die Klappen klappern. Die Kollegen tun’s im gleich: Hinterseher und Lowka trommeln auf Akkordeon und Bass, dass ein Schlagzeuger eigentlich nicht vermisst wird. Doch Quadro Nuevo haben eine weitere Premiere in Baumburg dabei: Lowka legt für ein Stück den Bass weg und setzt sich an ein kleines Drumset. Den Mann kann man gebrauchen: Flexibel einsetzbar, ausgestattet mit einem unschlagbaren Taktgefühl und auf der Bühne offenbar immer bester Laune, wie sein beständiges Lächeln zeigt.

„Psalter und Harfe wacht auf, lasset den Lobgesang hören“ heißt’s in „Lobe den Herren“. In Baumburg waren nicht nur Psalter und Harfe hellwach, mit Kraft und Virtuosität stimmten Klarinetten, Saxofone, Akkordeon, Bass, Schlagzeug, Tschinelle, Vibrandoneon ein. Kurzum: Ein Glanzlicht des 1. Baumburger Kultursommers.