Martina Eisenreich und Freunde beim Baumburger Kultursommer

Einzigartig, einmalig, Eisenreich

Geigerin verzaubert mit ihrem Quartett und musikalischen Gästen – Wolfgang Lohmeier an der Wammerltrommel

Von Andreas Falkinger

Klar, sie ist der Star. Sagt ja schon der Bandname: Martina Eisenreich Quartett. Es steht ihr auch zu, der Star zu sein. Ihr Talent, ihr Können, ihr Gefühl, ihr Ausdruck. Und doch wäre es einseitig, das Konzerterlebnis nur an der Geigerin festzumachen. Weil ihre Band ihr in nichts nachsteht. Weder Christoph Müller an der Gitarre, noch Stephan Glaubitz am Kontrabass. Und Schlagwerker Wolfgang Lohmeier sowieso nicht. Sie alle machen Konzerte des Martina Eisenreich Quartetts einzigartig. Den Vieren beim Musizieren zuzuschauen und zuzuhören macht schlicht und ergreifend Freude.

Doch damit nicht genug. Zum Auftritt beim Baumburger Kultursommer hat Martina Eisenreich drei Gastmusiker mitgebracht – den Harfenisten Kiko Pedrozo aus Paraguay, den Akkordeonisten Hansi Zeller aus dem Allgäu und die irische Sängerin Valerie McCleary, ebenfalls allesamt Ausnahmekönner. Ausnahmekönner, die in verschiedenen Formationen immer mal wieder zusammen auf der Bühne standen. Aber eben nicht unbedingt im Septett. Genau hier zeigt sich die Meisterschaft: Ohne bis aufs i-Tüpfelchen aufeinander eingespielt sein zu können gehen sie aufs i-Tüpfelchen auf den Mitmusiker ein.

Und genau hier wird deutlich, wie großartig Lohmeier seine Felle, Zimbeln, Becken und sonstigen Gerätschaften samt Wammerltrommel bearbeitet und – nebenbei – auch noch den Tontechniker macht. Hochsensibel führt er seine Kollegen exakt auf dem Punkt zu ihren Einsätzen, er strukturiert die Stücke, Blicke werden getauscht, ganz kurze, kleine Zeichen – und alles sitzt. Das ist vermutlich musikalische Schwerstarbeit. Vermutlich. So genau kann das der Zuhörer nicht beurteilen, weil das Resultat eine luftige Leichtigkeit lebt, den Spaß ausstrahlt, den die Künstler auf der Bühne miteinander haben – und das Publikum unten auf den Rängen nicht weniger. Der ominöse Funke springt. Unablässig.

Dabei stand das Konzert im Rossstall nicht unter den günstigsten Vorzeichen. Man hatte eine Freiluftveranstaltung bei trockenem Wetter im Innenhof des historischen Baumburger Gutshofs geplant. Allerdings hatte das Wetter keine Freiluftveranstaltung geplant. Eine halbe Stunde vor Konzertbeginn musste umdisponiert werden. Aufbau, Verkabelung, Soundcheck, alles umsonst, alles auf Anfang. Das verzögerte den Konzertbeginn um gut eine halbe Stunde – eine Verspätung, die selbst der Bahn peinlich wäre. Wer glaubte, das würde die Musiker mehr als das Publikum irritieren, sah sich getäuscht. Eisenreich und Co. ließen sich nicht aus der Bahn werfen – das Konzert wurde nicht umgeworfen, es wurde umwerfend.

McCleary singt frisch und frech und rotzig und sanft, ein Destillat aus Janis Joplin, Lana Del Ray und Sheryl Crow. Die 65-Jährige klingt wie eine Endzwanzigerin. Pedrozos paraguayisches Schlaflied „Duerme Negrito“ ist herzergreifend. Kunststück, er gilt als einer der virtuosesten Harfenisten weltweit, die Älteren erinnern sich an ihn noch als Mitglied der „Los Paraguayos“. Und wenn der dann auch noch singt…

Bei aller Virtuosität, bei allem Können, bei aller Ergriffenheit: Den Spaß vergisst das Septett nie, das zu acht auf der Bühne steht – Martina Eisenreich wird im September ein Kind zur Welt bringen. Beim berühmten „Dueling Banjos“ aus dem Film „Beim Sterben ist jeder der Erste“ duelliert sich so ziemlich jeder mit jedem, nur kein Banjo. Gitarre mit Geige, Akkordeon mit Bass, es gibt keine Gefangenen und keine Gefallenen, nur Sieger. Lohmeier darf sich bei seiner Komposition „Myth of the Pixies“ austoben. Ein Pixie ist laut Eisenreich ein Kobold mit wild zerzausten blonden Federn und kräftigen Oberarmen. Also ein Lohmeier. Und der spielt noch dazu besagte Wammerltrommel. Weil ihm der Einsatz von zwei Händen und zwei Beinen nicht reicht. Der Bauch muss als Schlaginstrument auch noch ran. Ein Bauch, der nicht gedankenlos angefressen oder gar angesoffen ist, sondern in mühevoller Kleinarbeit als Percussionwerkzeug aufgebaut wurde.

Die meisten Stücke, die an diesem Abend zu hören waren, stammen vom aktuellen Album „Violin Tales“. Geigengeschichten. Genau das macht Martina Eisenreich: Sie erzählt Geschichten. Ganz ohne Worte, aber mit ganz viel Herz. Sie lässt ganze Filme ablaufen, ist eins mit ihrer Violine, sie malt Musik. Sie ist der Star.