Calderons Welttheater im Baumburger Gutshof

Die ganze Welt im Gutshof

Großartige Inszenierung: Theaterchen „O“ gibt Calderòns „Großes Welttheater“

Von Andreas Falkinger

Das Ensemble nennt sich „Theaterchen“ und wagt sich an ein Stück, das „Das große Welttheater“ heißt. Das niedliche Kleine nimmt sich das Gewaltige vor? Kann das gutgehen? Aber wie! Dem Theaterchen O ist mit der Inszenierung von Pedro Calderon de la Barcas Monumentalwerk ein großer Wurf gelungen. Von wegen „Theaterchen“.

Die Aufführung ist stimmig, das Ambiente mit dem Innenhof des historischen Baumburger Gutshofs für das Werk aus dem 17. Jahrhundert ideal. Und selbst wenn die Aufführung wegen schlechten Wetters in die Klosterkirche verlegt wird, kann die Kulisse kaum stimmiger sein. Die Regisseurin Lisa Hanöffner hat es geschafft, das Mysterienspiel einfühlsam ins 21. Jahrhundert zu holen und doch seinen barocken Reiz zu erhalten. Mit der Übersetzung des Welttheaters Einsiedeln hat das Theaterchen O einen glücklichen Griff getan, weil diese die bewegenden und dramatischen Züge der heute eher sperrig klingenden Metaphorik Calderòns herausarbeitet.

„Das große Welttheater“ ist Theater im Theater. Gott, der „Meister“, lässt spielen. Die Menschen sind sein Ensemble, die Welt ist die Bühne, gegeben wird das Spiel des Lebens – ein Fest, das der Meister für sich selbst inszeniert. Seine Schauspieler sind zunächst alle gleich, keiner hat Vorzüge oder Nachteile. Er weist ihnen ihre Rollen zu, die Welt stattet sie mit den dazugehörigen Insignien ihrer allegorischen Rollen aus – und sie müssen das Beste aus ihrer Rolle machen: Im Welttheater müssen sie sich vor dem Richtergott bewähren – die Macht genauso wie die Mühsal, die Demut wie der Überfluss, die Schönheit wie das Elend oder das totgeborene Kind. Die einzige Regieanweisung, die ihnen der Meister mitgibt, ist: „Handelt recht, denn Gott sieht zu.“

Nicht alle Akteure sind mit ihren Rollen zufrieden, sie halten sich für fehlbesetzt, für um ihr Glück betrogen. Der Meister schaut ihrem menschlichen Treiben zu, ohne es zu beeinflussen. Die Darsteller gehen auf in ihren Rollen, vergessen, dass es nur Rollen sind, identifizieren sich ganz mit ihrem Bühnenleben. Nur das Gesetz der Gnade (Heinz Schmidt) erinnert die Schauspieler immer wieder daran, die eine Regieanweisung zu beherzigen. Ob Gott zusieht oder nicht, ist den Schauspielern einerlei. Hochmut, Geiz, Wollust,  Völlerei, Neid, Faulheit, Machtmissbrauch brechen sich Bahn.

Doch unweigerlich und folgerichtig steht am Ende der Tag des Jüngsten Gerichts bevor. Die Menschen müssen nach ihrem Auftritt alle Statussymbole wieder ablegen. So wie sie ihre Rolle gespielt haben, erhalten sie vom Richter ihren Lohn. Paradies, Fegefeuer oder Verdammnis.

Die Lehre des Mysterienspiels ist natürlich eine fundamentaltheologische: Kein Mensch hat dem anderen etwas voraus, im Vergleich zu Gott, der einzig ist, sind alle nichts. Diesen Ansatz Calderòns bricht die Theaterchen-O-Inszenierung auf – sie gesteht dem Meister Vielschichtigkeit zu, ausgedrückt dadurch, dass die Rolle sechs Mal besetzt ist – jugendlich und alt, männlich und weiblich, beweglich und statisch. Gerhard Ficker, Berta Berthold, Randolf Schirmer, Nadja Nöhbauer sowie Sarah und Nina Benekam stellen den Meister in allen Schattierungen dar. Und das gleichzeitig, nebeneinander. Der Meister fällt sich sogar selbst ins Wort. Sekundiert wird er von der Welt (Kirsten Benekam), vom Tod mit seiner schwarzen Geige (Bettina Nowak) und vom Teufel (Christian Maryszok). Der spricht während des ganzen Stücks kein Wort, ist aber immer präsent mit seinen glutroten Augen. Er schaut der Macht über die Schulter, hält der gealterten Schönheit den Spiegel vor, verführt die Demut zum Saufen und den Überfluss zum Prassen.

Auch die Allegorien sind mehrfach besetzt: Demut, Elend, Mühsal, Macht, Überfluss drei Mal, die Schönheit gar vier Mal. Der Zuschauer erlebt so in zweieinhalb Stunden mit, wie die Menschen auf der Bühne altern. Schwerer Stoff eigentlich, aber das Ensemble – zuvorderst Thomas Breu als Mühsal und Peter Formanek als Überfluss – schaffen es immer wieder, heitere und komische Aspekte herauszuarbeiten. Und Jürgen Hilse bringt das Elend erschreckend greifbar auf die Bühne – nicht zuletzt ein Verdienst der großartigen Maske. Voll überzeugen können auch Florian Holzner als Demut, Christine Mussner, Elisabeth Brandmayr und Uschi Hefele als Schönheit und Laurentius Fischer als Macht. Aber auch die jungen bis sehr jungen Darsteller stehen ihnen in punkto Spielfreude in nichts nach.

Die Inszenierung insgesamt ist bildgewaltig – die Geburt der Darsteller zeigt, wie sie als Gleiche unter Gleichen ins Leben purzeln, alles unbeschriebene Blätter, in weiße Ganzköpertrikots gewandet. Nach dem Leben werden sie von fackeltragenden Mönchen abgeführt, die „Dies irae“, den mittelalterlichen Hymnus vom Jüngsten Gericht, singen. Bis hin zum Chor unter der Leitung von Brigitte Solder – hier stimmt einfach alles. Das Publikum vergisst, dass hier eine Laiengruppe auf der Bühne steht. Mehr geht nicht. Theater O, nicht Theaterchen.