„Aber steig mir ned auf meine gnogltn Schuach.“ Die Gailtalerin (Peter Mühlberger) rockt die Bühne. Foto: fal

Die Mutter aller Rock-Opern – so ein Spaß!

Theatergemeinschaft Schnaitsee mit Ambros‘ „Watzmann“ beim Baumburger Kultursommer: Ein saukomisches Drama

Von Andreas Falkinger

Es ist ein Drama, mit allem Drum und Dran: Generationskonflikt und Sex. Tyrannei und Todesfälle. Touristik-Brauchtum und Musikantenstadl. ‘S Lebn is hart in de Berg, eines der härtesten gar. Und entbehrungsreich, ein ständiges Auf und Ab. Das pralle, das volle, das schöne, das greislige Leben. Ein Drama, ein saukomisches Drama, huraxdax, pack’s bei da Hax. Die Theatergemeinschaft Schnaitsee lässt’s wieder mal krachen. So ein Spaß!

Gebirglerisch ist’s: Der Watzmann ruft, und die Leut kommen in Scharen, und zwar zum Kultursommer auf den Baumburger Berg, weil die vermutlich höchstgelegene Theatergemeinschaft des Chiemgauer Voralpenlandes ihre Version des Klassikers von Wolfgang Ambros, Manfred Tauchen und Joesi Prokopetz spielt. Tatsächlich, es ist ihre Version. Die Regisseure Josef Unterforsthuber, Romy Kinzner und Monika Kinzner haben eingegriffen in die Handlung, haben die dramaturgischen Murenabgänge des Originals weggeräumt und dazugeschrieben, wo’s dem Fortgang der Geschichte förderlich ist. In höchster Vollendung natürlich, wir sind ja oben aufm Berg.

Musical und Rustical wurde „Der Watzmann ruft!“ schon genannt. Doch das ist zu bräsig, zumindest wenn die Schnaitseer in Aktion sind. „Rock“ heißt ja auch Fels. Eben. Da brauchen wir gar nicht lang um den heißen Stein rumreden: Dieser „Watzmann“ ist schlicht die Mutter aller Rock-Opern. So wie das Ensemble den historischen Gutshof zu Baumburg rockt, geht’s drunter schon mal gar nicht. Wobei’s natürlich drunter und drüber geht.

Ensemble ist auch gut. Schnell entsteht bei der Premiere der Eindruck: Das halbe Dorf ist auf den Beinen, mindestens. Der Sportverein organisiert den Ausschank, der Musikverein bringt das Publikum schon eine Stunde vor der Aufführung auf Betriebstemperatur, die Trachtler sind dabei – und natürlich die knapp 50 Theaterer auf und hinter der Bühne. Im Baumburger Gutshof wird Schnoatsingerisch geredet und gespielt. Die Band ist nicht Ambros‘ No. 1 vom Wienerwald, aber auf alle Fälle die No. 1 zwischen Fernsehturm und Auermühlbach, mindestens. Da geht was, wenn die Schnaitseer ausrücken.

Was das Stück betrifft, sind sie Ambros gegenüber klar im Vorteil. Der weiß zwar, dass Schifoan des leiwandste is, was man sich nur vorstellen kann, und dass es der Hofer war vom Zwanzgerhaus. Aber warum der Watzmann ein Schicksalsberg ist, das erklärt er nicht. Kann er nicht wissen. Die Schnaitseer kennen die Sage – und bringen sie als Prolog auf die Bühne. Die Sage vom König Watzmann, dem Erbarmen fremd ist, der die Bauern drangsaliert und mit seiner wilden Jagd die Ernte vernichtet. Als sich ihm ein geschundener Bergbauernbub entgegenstellt, lässt er ihn, seinen Vater und die Schwester niedermetzeln. Die Mutter aber überlebt und verflucht den Watzmann. Seither ist der König ein kalter Bergriese, der den kargen Rest seiner Macht dazu nutzt, Wanderer in den Tod zu locken.

Und so sitzt der König Watzmann (Walter Herbst) in der von Arnold Böhm gemalten schroffen Bergkulisse und macht die Leut narrisch. Die Knechte (Meinrad Reiter und Christian Westner) können dem am leichtesten widerstehen. Auf den Berg raufsteigen, das wär anstrengend. Damit haben es die beiden nicht so, holladreidulljoh. Reiter steht bis zu den Waden in einem Kuhfladen und Westner tanzt wie der Lump am Stecken „Huraxdax“. Aber auf den Berg rauf?

Der Bua ist aber ganz klar gefährdet. Fabian Schluck pubertiert ihn trefflichst auf die Bühne, ein bisserl gschamig, ein bisserl frech, ein wenig draufgängerisch. Der Bauer alias Thomas Schachner hat’s nicht leicht mit dem Fratz. Von der antiautoritären Erziehung kommt das. Jeden Tag so fünf, sechs Watschen … Waren wahrscheinlich zu wenig. Der schiere Generationenkonflikt. Wenn sich die Mannerleut schon ums Esswerkzeug balgen müssen. „Des is dem Bauern sei Löffel! Und mit dem Bauern sein Löffel isst nur der Bauer und nit der Bua!“ Zumindest so lange, bis der Bauer den Löffel abgegeben hat.

Schachner gibt den schroffen, vom kargen Leben gezeichneten Mann, der seinem Sohn gegenüber väterliche Gefühle hegt, sie ihm aber nicht zeigen kann. Ein Mann eben. Das ständige Auf und Ab zwischen den beiden manifestiert sich in der Frage: „Auffi – oder nit auffi?“. Der Bua meint auf den Berg zu müssen, aber die Vernunft geböte, dass er unten bleibt, weil noch keiner zurückgekommen ist, den der König gerufen hat. Die Option, dass er auf seine Erstbesteigung verzichtet, hat solange Bestand, bis das ewig lockende Weib ins Spiel kommt. Da ist alles außer Erstbesteigung keine Option mehr. Die Gailtalerin, das Miststück ist’s. Die leibhaftige Sünd. Peter Mühlberger in Dirndl, rotem Unterrock und mit Brüsten. Diese Gailtalerin stößt ob ihrer Körperlichkeit keiner so leicht von der Bettkante. Eine Naturgewalt. Und singen kann sie auch noch, in einer musikantenstadlartigen, volksdümmlichen Touri-Nepplokalität samt DJ Ötzi (Fritz Graßl). Eine richtige Circe ist das – die komplette Stadlbesetzung fällt übereinander her, als sie den „Gnogltn Schuach“-Rock – auch bekannt als „Blue Suede Shoes“ von Carl Perkins – samt waghalsigen Rock’n’Roll-Tanzeinlagen hinzaubert. Jedenfalls verspricht sie sich dem Buam zum Lohn, wenn er den Berg unterkriegt. Und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Mit voller Wucht haut’s den Buam in die Schlucht, mit ganzer Gwalt haut’s den Buam in den Spalt. Erst Bua hin, dann Bauer hin. Mit dem Löffel ist keiner mehr. Drama.

Auffi aufn Berg oder nit auffi? Die Frage stellt sich doch gar nicht. Auf alle Fälle auffi auf den Baumburger Berg zum Schnoadsinger „Watzmann“.

(erschienen im Trostberger Tagblatt/Traunreuter Anzeiger)