Andreas Pytlik.

Andreas Pytlik in der Galerie im Gutshof zu Baumburg. Foto: fal

Monochrom, aber nicht monoton

Ausstellung „Grün“ von Andreas Pytlik in der Baumburger Galerie: Das Gegenteil von Harmonie

Von Andreas Falkinger

Grün ist doch eine nette Farbe. So beruhigend. Farbe der Hoffnung und der Zufriedenheit. Farbe des Lebens, der Natur, des Frühling, der Frische, der Jugend. In der christlichen Ikonografie die Farbe der Auferstehung. Alles so positiv. Nett. Was ist von einer Ausstellung zu erwarten, deren Titel „Grün“ lautet? Lieblich schöngefärbte Landschaften, über die sich grüner Harmoniekleister legt, der jedes missliebige Unkraut im Keim erstickt? Nicht, wenn’s nach Andreas Pytlik geht, der noch bis Sonntag, 22. September, Bilder, Skulpturen und Installationen in der Galerie im Gutshof zu Baumburg zeigt.

Betritt man die Galerie, dominiert zunächst tatsächlich ein Gefühl der Ruhe und Harmonie: grauer Estrich, weiße Wände, daran grüne Bilder, alles klar strukturiert, aufgeräumt, ordentlich. Dazwischen hat Pytlik systematisch seine Installationen im Hauptraum der Galerie angeordnet. Gefällig wirkt das. „Die menschliche Natur liebt nicht Widersprüche, sondern Symmetrie“, wie Ralph Waldo Emerson beobachtete. Aber weil Symmetrie die Kunst der Einfaltspinsel ist, sollte sich der Betrachter nicht in Sicherheit wiegen.

Einfaltspinselei erwartet ihn keineswegs. Auch wenn gerade die Arbeiten aus Pytliks „Forestal“-Zyklus immer wieder dasselbe Motiv aufnehmen – grün-schwarze Stämme auf grünem Boden unter Blätterdach vor strahlendem, glühendem Horizont: quasi dasselbe in Grün –, so hat doch jedes der Bilder seine eigene Atmosphäre. Eine künstliche Atmosphäre. Denn obwohl Pytlik seine Motive aus der Natur nimmt, malt er nur bedingt gegenständlich. Das Blätterdach ist konturlos abstrahiert, eine homogene, monochrome Blättermasse, es kommt auf keinen grünen Zweig. Das ist kein Abbild der Natur, das ist ein Abbild von Pytliks eigener Welt.

Grün ist sein Kosmos. Grün ist alles. Jedenfalls mehr, als man der Farbe landläufig zugesteht. Grün ist nicht gleich Grün und schon gar nicht monoton. Den Waldboden strukturiert Pytlik durch zahllose Schattierungen von Grün, klar voneinander abgegrenzt. Dadurch bekommen die Bilder Tiefe. Gleichzeitig verzichtet der Künstler auf einen Fluchtpunkt, wodurch der Betrachter langsam ins Bild hineingezogen, Teil davon wird. Der Bildgegenstand – zweitrangig, Pytliks Welt umschließt den Betrachter, nimmt ihn aus der Zeit: Er sieht den Baum vor lauter Wald nicht mehr. Vor allem wegen des durchstrahlenden Horizonts, der das Gefühl vermittelt, man behielte zumindest den Durchblick.

Und doch ist es nur der Durchblick, den der gebürtige Münchner, der in Hochschatzen bei Schnaitsee lebt, dem Beschauer gewährt, eine Sichtweise, die der Künstler ihm unterschiebt. Unaufdringlich, aber doch. Auf seinen Horizont braucht sich der ins Bild Hineingezogene nichts einzubilden – da ist nichts dahinter. Als sei die Erde eine Scheibe: Am Ende fällt man runter. Wer von seinen positiven Grün-Assoziationen eingelullt grenzenlose Harmonie in den Arbeiten vermutete, sieht sich letztlich auf sich selbst zurückgeworfen. Das Gegenteil von Harmonie.

Diesen Effekt verstärkt Pytlik, indem er darauf verzichtet, Statisten in seine Bilder aufzunehmen. Der Betrachter ist allein, vom Bild isoliert, gezwungen, sich mit Pytliks Welt und vor allem mit sich selbst auseinanderzusetzen. Die Bilder sind Allegorien für Schein und Sein in allen Facetten. Grün steht ikonografisch nicht umsonst auch für Heimtücke, Gift, Neid, Krankheit und Tod.

Mit all diesen Spannungsfeldern spielt Pytlik, oft ernsthaft, wenn möglich ironisch, immer philosophisch. Mit seiner „Grünen Lunge“, eine knallgrün eingefärbte Filzrolle, zitiert er Beuys, ohne ihn zu kopieren. Beuys hatte Filz zum Symbol für Leben stilisiert – Pytlik packt die Farbe des Lebens oben drauf. Beuys zum Quadrat. Grün als Farbe des Verwesens – gibt’s auch: Fragten die Sex Pistols vor 35 Jahren noch „Who killed Bambi?“, steckt Pytlik den selbstverständlich grün bemalten Schädel eines kleinen Rehbocks auf einen Pflock und schreibt lapidar drunter: „Bambi ist tot.“ Die Jagdtrophäe mit einem durch und durch positiv konnotierten Namen zu verknüpfen, das ist nachgerade heimtückisch. Nur noch das Resultat zählt. Wer’s war? Egal. Das ist Punk.

Die Ausstellung in der Galerie im Gutshof ist noch bis zum 22. September freitags, samstags und sonntags von 16 bis 20 Uhr geöffnet. Während des Baumburger Bioerntefestes am Samstag, 21. September, kann man Pytliks Arbeiten bereits ab 9 Uhr besichtigen. Finissage ist am Sonntag, 22. September, um 16 Uhr.

Homepage des Künstlers: www.andreaspytlik.de