Michael Lerchenberg beim Baumburger Kultursommer.

Auch aufs Geistesblitzerl folgt ein Donner

Michael Lerchenberg liest aus seiner „Starkbier-Biographie“: Einblick in die Abgründe des Politzirkus

Von Andreas Falkinger

Donner entsteht durch die plötzliche Ausdehnung der Luft, nachdem sie von einem Blitz extrem erhitzt worden ist. Ursache das eine, Wirkung das andere, ganz klar. Erst Blitz, dann Donner. Naturgesetz. „Donner und Blitz auf dem Nockherberg“ hat Michael Lerchenberg sein Buch genannt, mit dem er Rückschau auf über ein Vierteljahrhundert

Starkbieranstich hält und aus dem er beim Baumburger Kultursommer gelesen hat. Erst der Donner und dann der Blitz?

Nein, Lerchenberg hebt keine Naturgesetze auf. Aber schon mit dem Buchtitel weist er auf das Paradoxon hin: Als Barnabas donnerte er von der Kanzel, bevor es dünnhäutige Politiker blitzen ließen. Das Donnerwetter für Lerchenberg folgte auf dem Fuße. Es hatte direkt bei ihm eingeschlagen. Mit Karacho.

Lerchenberg hatte seinen Barnabas nicht als politische Witzerl machenden Starkbierkasperl angelegt, sondern als Fastenprediger klassischer Prägung. Kräftig hatte er den Regierungsparteien in Land und Bund eingeschenkt – da ein bisserl über die Bayern-LB, dort ein bisserl davon, wie man die Gemeinden ausbluten lässt, und geendet hatte das Ganze mit einem apokalyptischen „Und der Tag des Zorns wird kommen“. Die Rede sprühte vor Witz, Ironie, Satire, Sarkasmus – aber Schenkelklopfer war sie für die
versammelte Politprominenz keiner. Lerchenberg erinnert sich: „Der Applaus ist spärlich, und wer in diesem Augenblick als Beobachter dabei ist, wüsste gerne, was die angesprochenen Politiker wirklich denken. Sagen sie sich, der Mann hat recht, wir müssen uns bessern? Anzeichen hierfür gibt es keine. Oder schießt ihnen durch den Kopf: Was für ein Schmarrn, das stimmt doch hinten und vorne nicht! Oder, noch bündiger: Der muss weg, der Depp!“

Letzteres war der Fall. Lerchenberg lässt seine Zuhörer im ehemaligen Baumburger Rossstall teilhaben an der Dramatik, am Skandal, der dieser erfolgreiche Angriff auf die Meinungs- und Kunstfreiheit de facto ist. Und das nicht nur aus seiner Perspektive. Für das Buch hat er sich einen Co-Schreiber gesucht, der die Außensicht schildert. Mit dem
SZ-Redakteur und Streiflicht-Mitverantwortlichen Wolfgang Görl fand er eine wahre Edelfeder. Gemeinsam beleuchten sie Lerchenbergs 26 Jahre auf dem Nockherberg. Mit Schwung und Witz gewähren sie Blicke hinter die Kulissen des Politikerderbleckens,
zeichnen einen Stoiber, wie ihn nur wenige kennen. Diesen Schwung, diesen Witz nimmt Lerchenberg mit ans Lesepult. Doch er liest eigentlich gar nicht viel, fünf Stellen nur hat er ausgesucht. Den Rest erzählt er in freier Rede, frank und frei. Und genau das ist es, was den Abend so mitreißend macht. Lesen kann jeder für sich selbst, aber etwas lebendig erzählt zu bekommen, an den Gefühlen teilhaben zu dürfen – das macht die Lesung zum
Erlebnis.

Spätestens im Laufe des Abends wird klar: Auch hier folgte der Donner dem Blitz und nicht umgekehrt. Wegen der Wahrheiten, die Barnabas gepredigt hatte, war er kaum angreifbar. Aber weg musste er trotzdem, der Depp. Probates Mittel in der Politik: Man wartet auf einen misslungenen historischen Vergleich, und schon ist er weg, der Politiker. Wenn er nicht eh grad eine Doktorarbeit abgeschrieben hat. Dann kann es der Nachschreiber immerhin noch zum Vordenker in einer amerikanischen Denkfabrik bringen.

Jedenfalls glaubte Charlotte Knobloch, damals noch Präsidentin des Zentralrates der Juden, einen solchen misslungenen Vergleich gefunden zu haben. Und das wurde unters Volk gebracht. Endlich waren die beleidigten Politiker legitimiert, Barnabas‘ Auftritt für völlig daneben zu halten. Der Rücktritt Lerchenbergs war nicht mehr aufzuhalten.

Ursächlich für Lerchenbergs und jedem nachfolgenden Donner war aber natürlich – ein Blitz. Ein Geistes-Blitzerl. „Spätrömische Dekadenz“ hatte Außenminister Westerwelle Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern vorgeworfen. Auch ein interessanter historischer Vergleich – gegen den sich vermögende Altrömer aus Altersgründen nicht mehr wehren konnten. Und Hartz-IV-Empfänger sowieso nicht. Mit spätrömischer Dekadenz verbindet
man Sauf- und Fressgelage, deren Teilnehmer sich mit Federn am Gaumeln kitzeln, um sich das Genossene durch den Kopf gehen zu lassen und so im Magen Platz für weitere Delikatessen zu schaffen.

Dabei sind Hartzler noch nicht beobachtet worden. Dieses schiefe Bild nun riss Lerchenberg seinerseits zu einem historischen Vergleich hin: „Der Herr Guido schwingt seine sozialpolitische Abrissbirne. Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein großer Stacheldraht – des hamma schon mal ghabt. Zweimal am Tag gibt’s a Wassersuppn und einen Kanten Brot, statt Heizkostenzuschuss gibt’s zwei Pullover von Sarrazins Winterhilfswerk, und überm Ausgang, bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd, steht: ,Leistung muss sich wieder lohnen‘.“

Der KZ-Vergleich war zu viel. Mit dem Lager für Arbeitsscheue würden sechs Millionen jüdische Opfer der NS-Vernichtungslager verhöhnt, interpretierte Knobloch vor und die anderen interpretierten munter nach. Eigentlich hatten Lerchenberg und sein Mitautor Christian Springer aber etwas völlig anderes ausgedrückt: Wehret den Anfängen. Faschistoides Gebaren beginnt immer mit der Ausgrenzung und Verächtlichmachung gesellschaftlicher Gruppen. Im März 2010 war die politisch korrekte Empörung groß, das Kind schon in den Brunnen gefallen. Mit seinem Buch hat Lerchenberg die Gelegenheit genutzt, das richtigzustellen. Großartig.